Der Wortbruchstellenverursacher

EIN BLOGROMAN VON W. REMUS UND GUIDO ROHM

Urlaubsplanung

Aus allen Ecken des Landes kommen sie, per Eisenbahn, mit Pferden, die ausgemergelt wie die Prärie, die sie soeben passierten, zu Tode erschöpft die Stadt erreichen; ihre Facht, bärtige Hutträger mit Armen, die an den neu aufgekommenen Stacheldraht erinnern, lassen sie absteigen, erst dann verenden sie, kurz vor dem Wassertrog, der eh nur Staub aufzuweisen hätte. Die Männer mit den leeren Blicken stiefeln  zum Saloon, der hinter seinen Schwingtüren Gemurmel und echten Hartmännertrunk feilbietet. In ihren ausgebeutelten Hosentaschen führen sie Ideen und Pläne spazieren, die sie am Abend noch, nach einem kurzen Schusswechsel, einer einsamen Hand anvertrauen werden, die ihnen die Augen schließt, nicht ohne sich zuvor vom tatsächlichen Ableben überzeugt zu haben. (Man ist ja kein Barbar, sondern eben nur ein tollwütiger Glückssucher unter anderen, die in diese Stadt am Ende der Welt eingefallen sind.)

Remus überlegt kurz und entscheidet sich dann gegen diese Zeitreise; man wird ihm sicherlich noch andere Angebote offerieren.

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Erstes Winterungemach

Schnee fällt. Plötzlich. Unerwartet.

Herr Remus steht am See, der sich neben seinem liebsten Fernsehsessel befindet. Auf dem See fahren Passagierdampfer. Zahlreiche Touristen, die von Jahr zu Jahr sein Wohnzimmer als Urlaubsort buchen, zücken ihre Kameras. Sie winken ihm zu. Herr Remus lächelt. Stellt sich in Position. Er spannt die Arme an. Die Muskeln entlocken den Gästen ein langgezogenes Ooooooooooooooo!

Da geschieht es. Das Wasser des Sees gefriert binnen Sekunden. Schnee fällt. Schon im nächsten Moment schlendert eine gelangweilte Rentierherde an Herrn Remus vorbei. Herr Remus weicht aus. Er kann sich nicht halten. Seine Arme rudern durch die Luft. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Man muss wohl schreiben: Das Unglück nimmt seinen Fall.

Nur Minuten später sind Feuerwehr und Polizei auf dem Weg. Man birgt Leichen.

Ich, ich, stottert Herr Remus.

Weil Herr Remus aber ein geübter Fantast ist, kann er sich aus dieser Situation ins Bett denken. Alles ist gut. Nichts ist je vorgefallen. Keine Toten. Keine Verletzten. (Zumindest redet er sich dies ein.)

Er liegt in seinem Bett. Weil ihm kalt ist, will er die Hände lieber unter der Bettdecke belassen. Eine Art von Greifarm fischt seine Abendlektüre vom Nachttisch. Momentan liest er einen Roman von Sergej Flachbau (Sergej Flachbau, Der Meister erklärt dem Lehrling schon lange nichts mehr, Verlag Totenhaus). Die Finger am Greifarm schlagen die Seiten des Buches für ihn um. Diese Stelle kennt er schon. Er nickt. Schon blättert die Maschinerie weiter. Ja, genau dort war er, genau an dieser Stelle.

Herr Remus sieht nur noch einmal kurz auf, als eine Eskimofamilie ihn nach dem Weg zur nächsten Wasserstelle befragt.

Über den See im Wohnzimmer schweigt er sich aus. Über den will er Gras wachsen lassen. Die Touristen dürfen nicht ausbleiben. Er ist auf das Geld angewiesen. Immerhin zahlen die Fremden in Golddukaten.

Herr Remus reibt sich mit dem Kinn über die Brust. Die Greifarme verstehen dies als Aufforderung, siebzehn Seiten weiter zu blättern.

Herr Remus verdreht die Augen. Böser Fehler, denn dies löst die an der Decke befestigten Gewitter aus. Blitze zucken. Jetzt hat er die Schnauze voll von diesem Tag.

Also schnippt er mit den Fingern. Ein alter Trick aus Indien lässt ihn augenblicklich in den tiefsten Tiefschlaf fallen. Geht doch, denkt sein Unterbewusstsein und träumt sich in die Südsee.

Im Stundenglas

Remus hat sich verlaufen. Er irrt durch seine eigene Textwüste. Seine Hände wühlen durch den Wortsand; Buchstaben rieseln durch seine Finger. Gefangen im selbst erschaffenen Literaturstundenglas, wartet er darauf, durch die Verengung der Mitte gerissen zu werden, nur damit man es wieder drehen kann, um weiterhin die Zeit messen zu können, die vergeht, während man mit den Füßen hilflos strampelt.

Träume von Träumen, die sich in Träumen träumen

Ich habe das alles nur geträumt, all diese Blutseen und Bäume, die sich am Wegrand wie tot stellen, unter denen Kinderbeine zappeln, ein letztes Mal, bevor auch die Sonne ein letztes Mal untergeht, um die Welt in Kälte und Dunkelheit zu hinterlassen, ich habe von all den Wesen geträumt, die sich in die Schrift schlichen, Clowns mit angespitzten Zähnen, einer, den ich Rohm, einer, den ich Remus gerufen, zwei ungleiche Brüder, die sich an den Zitzen einer Wölfin nährten, die nun abgeschossen im Bachgrund liegt, mit keiner Regung, als der, mit ihrem Blut das Wasser zu färben, das dahinfließt, träge wie ein Brei, der zum Fluss wird, zum Meer, ich setze meine Schritte, die Oberschenkel brennen, die Füße sind längst nur Stumpen, drum habe ich mir aus den Knochen eines großen Tiers Krücken gemacht, ich kenne das Tier nicht, ich kann es nicht identifizieren, ein Elefant könnte es sein, ein Mammut, eine Art von Dinosaurier, ich ziehe an den rauchlosen Häusern der Talbewohner vorbei, deren Schmerzschreie noch im Wind wehen, deren Leiber nicht zu finden sind, nicht in den Räumen, nicht unter der Erde, denn ich sah nach, ich grub mit meinen Augen, tief und voller Inbrunst entfernte ich Erdschicht für Erdschicht, bis ich in einem fremden Bett erwachte, mir gewahr werdend, dies war alles nur erträumt, so wie das Leben aller meiner Geschöpfe eine Hirnspinnerei war, ich stand in meinem Kopf, in meiner Hirnweberei, die Maschinen liefen auf Hochtouren, ich ölte, damit die Produktion nicht stockte, Geschichte für Geschichte spuckten mir die Maschinen vor die Füße, die nun erfrorenen, die den Körper mühsam tragen, wohin auch immer, ich schlage die Augen auf, blicke mich um, sitze nun in einem neuen Traum, der mich an einer fremden Tastatur sitzen lässt, an einem neuen Roman, in meinem Rücken sitzt eine Frau, mit gequollenen Augen, den Mund zum Schrei geöffnet, im Arm eine Spritze, die ihr Frieden bringen soll, ich will sie fragen, sie antwortet schon, mit leiser keuchender Stimme, das sei F, eine neue Droge aus der Unterstadt, die dem Menschen die Seele nähme und somit den kalten Frieden schenke, sie sieht mich an, sie lächelt eisig wie eine Scholle, sie treibt auf den Wassern ihrer Ängste, die sie gefangen setzen, die sie nicht los lassen, so sehr sie es sich auch einredet, F ist keine Hilfe, LSD, Heroin, Meskalin, Benzedrin, ich erinnere mich an die Jahre auf den Straßen, die mich in SF ankommen ließen, Sie kennen doch hoffentlich SF (oder vielleicht wäre es besser, Sie würden es nicht kennen, ach, was weiß ich denn), diese Stadt der Huren, Trinker, Tänzer, Akrobaten, Kopfläufer, Abhäuter, Schranksitzer, Bettdenker und Schwertraumverbieger, denn dort hatte ich mein Büro, vielleicht war es nur ein weiterer Traum im Traum, wie soll ich das noch unterscheiden können, ich sitze und tippe auf einer Ferlinghetti, aus der Küche taumelt eine junge Frau, Liza oder Lea, die ich in wenigen Stunden mit einer Überdosis F aus diesem Traum befördern werde, das wirst du nicht, sie legt mir ihre Hand, zartgliedrig, auf die Schulter, sie lässt ihre Leidenschaften strömen, die sich in meinem Körper verteilen, bis ich bemerke, dass ich auf dem Boden sitze, im Arm eine Spritze, habe ich mir doch F injiziert, das mich nun auf Spurensuche schickt, ich taumele von Universum zu Universum, stehe schreiend in einem Pub, an meiner Seite Trapper, die ihre Lieder grölen, Lieder, die ihre Einsamkeit in den Winternächten vertreiben soll, ich stehe auf einem Berg, einem Hochhaus, ich befinde mich auf einer Party in SF, sie reden mich an, reden wild auf mich ein, Louis, Louis, schreien sie, im nächsten Augenblick sitze ich bereits wieder vor dieser klapprigen alten Ferlinghetti und tippe tippe tippe tippe, ich schwitze mir den F-Schweiß aus den erfundenen Poren, es gab niemand, erkläre ich Bill, der sich als Freund vorstellt, da ist niemand, ich bin allein, ich liege in einem sargähnlichen Monstrum in Silicon Shelly, denn dort schwitze ich meine Träume aus, verkabelt, angeschlossen an ein großes Computersystem, ich sitze und schreibe eine Geschichte über das Silicon Shelly, ich schreibe sie direkt in meine alte klapprige Ferlinghetti, die sich unter meinen Einschlägen windet, die darum fleht, nicht mehr benutzt zu werden, man hätte doch auch Rechte als alte Schreibmaschine, ruft sie mir zu, ich höre auf, ich lausche in die Nacht hinein, die Stadt ist erfüllt vom Lärm der heimkehrenden Soldaten, Wir haben gewonnen!, rufen die Zeitungsjungs aus, die dich unter der Hand mit F versorgen können, die sich alten Bürovorstehern in Hinterhöfen hingeben, die ihre Zähne ins Mauerwerk schlagen, von den Häusern schmeckend, die Geschichten der Häuser schluckend, weil das Haus alles abspeichert, Wärme, Kälte, Schreie, Wimmern, Keuchen, Freude, Trauer, Sex, Angst, echte wahre Liebe, und die Zeitungsjungen kosten davon, während sich das Bürovorstehersperma in ihre Ärsche ergießt, sie zerren ihre Hosen hoch, stolpern davon, rufen die Geschichten der Häuser in die Straßen, die von den Torkelnden überspült sind, die Straßen laufen über, ich sitze am Fenster meiner Wohnung, schreibe alles auf, ich ritze die Buchstaben mit einem Messer in meine Haut, ich bin auf der Hut, ich trage einen Hut, ich lege mich schlafen, schlage die verwanzte Decke über mich, ich schließe die Augen, in der Hoffnung, endlich einmal erwachen zu können, endlich einmal, und Gott segne F und SF und all die Huren und Dichter und Kopfläufer und mich, der in die Realität gleitet, hinüber in den nächsten Traum, der nicht die Hoffnung fahren lässt, dereinst zu erwachen.

Ich öffne die Augen. Ich bin hier.

Auf großer Fahrt mit der Eagle

Rohm sei getroffen worden, erklärt Remus der versammelten Mannschaft der Eagle, die sich nun bereits seit drei geträumten Tagen auf dem offenen Meer befindet. Ein seltsames Schiff sei das, stimmt man mit Kapitän Remus überein, denn noch niemand hatte bis dato von einem Dreiundzwanzigmaster gehört, nur Dogge meint sich erinnern zu können, etwas in einem Buch über Geheimgesellschaften darüber gelesen zu haben. Die Schiffe sollen dereinst in Italien gebaut worden sein, unter größten Sicherheitsmaßnahmen, bewaffnet von Tabak kauenden, bis unter die Zähne bewaffneten, dunkel dreinblickenden Söldnern, die man von der Mafia als Unterstützung orderte; nicht von der Mafia wie man sie heute kenne, führt Dogge aus, sondern von einer frühen Gruppe, die sich später der heute bekannten Verbrecherorganisation anschloss, nicht weil man deren Ziele und Auffassungen teilte, sondern weil man darin aufgehen und verschwinden konnte.

Die anderen hören ihm bereits nicht mehr zu, man ist mit den Inhalten der Mägen beschäftigt, die sich dem tosenden Treiben des Meeres überantworten wollen. Das Meer gischt, zischt, treibt Schaumkronen über die Planken. Wohin denn die Reise führen solle, befragt sich die Wölfin, nicht mit Worten, wohl aber mit geknurrten Lauten, die Remus zu verstehen und interpretieren in der Lage ist. Jeder Knurrlaut kann je nach Knurrart bis zu vierhundert verschiedene Bedeutungen besitzen. Da kann nur der geschulte und kenntnisreiche Wolfkenner übersetzen. (Wie sich später herausstellen sollte, fragte die Wölfin nicht, sondern sie fluchte, wollte sie doch wieder in den heimischen Wäldern auf Jagd gehen. Eine Wölfin habe auf Schiffen nichts verloren, erklärte sie.)

Die Passagiere der Eagle verteilen sich, man strömt unter Deck, hat den Hinweis auf Rohm bereits voll und ganz vergessen, der, so Remus, ja getroffen sei, von was eben auch immer. Selbst Remus, der sich den Mund mit den eigenen Magensäften ausspült, kann sich nicht mehr erinnern, gehört doch die Verdrängung zu den wichtigsten Merkmalen seines ansonsten so unscheinbaren Wesens. Remus kann alles und jeden verdrängen, verlangt es die Situation von ihm: Gewissensbisse, Aufgaben, Realitäten in jedweder Form, seinen Harndrang, Menschen in einer Warteschlange, Vergangenheiten (die Mehrzahl ist wichtig, weil Remus selbstverständlich, da kann er sich erinnern wie er will, über etwa 94 Myriaden Vergangenheiten verfügen kann, die momentan alle fein säuberlich in seinem begehbaren Vergangenheitsschrank in seinem Haus in Los Los hängen. Das Haus wurde, kleine Anekdote am Rand, von dem berühmten Architekten Jose Destabilos entworfen. Aber dies ist wieder einmal eine ganz andere Geschichte, die sicherlich auch noch erzählt werden wird, sofern Muße und Lebenszeit ihren werten Begleiter in diese Welt dazu in die Lage versetzen.)

Remus versucht sich zu entsinnen, worum es in diesem Kapitel des Blogromans überhaupt gehen sollte, kann sich aber beim besten Willen und Wein nicht daran erinnern. Drum lässt er nun mit den Worten schließen: „Eisberg voraus!“

Überdacht

Remus hat an diesem Tag seine Bibliothek überdacht. Zwar ist kein Regen angekündigt, aber man kann ja nie wissen. So werden die Bücher, darunter sich so seltene Ausgaben wie Sommernacht bei Else von Franz Kickenberg und Jacob Vollenders Kommando Lust befinden, stets in Sicherheit vor den Unbilden des Deckenfresko sein (eine Nachahmung des Göttlichen Himmels von Johann Vondergreuth aus dem Jahre 1748, gemalt von Freund und Malermeister Achim Grabowski, Müllerstraße 17). Er blickt zur Zimmerdecke hinauf. Dort braut sich ein Gewitter zusammen. Wieder einmal hat sich die so unzuverlässige Wissenschaft von der Bibliometeorologie geirrt. Remus spannt den Regenschirm auf und harrt der Dinge, die seinen Büchern nun aber nichts mehr antun können.

Auftragsarbeit

Hier ein kleiner Text, den Remus unter dem Namen Rohm an diesem Morgen für das Onlinemagazin Getidan schrieb ….

Störung

Er könnte auf dem Klo sitzen, vielleicht auch am Kaffeetisch, der Ausschnitt gibt keine Auskunft darüber, ob er nun gerade, Sie wissen schon, wir wollen das nicht ausführen, das gehört sich nicht, denn wenn man schon Leute heimlich filmt, dann sollte man sie wenigstens bei ihren intimsten Geschäften alleine lassen, obwohl, so wie der jetzt das Gesicht verzerrt, könnte es sein, dass er …, der wird den Geschmack der Marmelade nicht mögen, reden wir uns ein, denn in einem der anderen Dachfenster, die wie schräg angebrachte lebende Bilder wirken, taucht nun seine Frau oder Freundin auf, die sich entkleidet, die Brüste gewagt klein, können wir gar nicht verstehen, und dies bei den heutigen Operationsmöglichkeiten, die keine Frage offen und keine Brust klein lassen, der müsste mal jemand einen Hinweis geben, ihr Freund, der scheint ja nur mit dem Geschmack seine Brotes beschäftigt, die Kamera gleitet über die grauen Dachziegel hin zu ihr, ja wo ist sie denn jetzt?, ach dort, sie steht unter der Dusche, das ist also das Bad, was noch nicht gegen die Theorie spricht, dass er gerade auf dem Klo sitzt, denn die Schüssel muss sich nicht im Bad befinden, die können auch über eine Gästetoilette verfügen, jetzt, jetzt, wir stoßen uns an, jetzt steht er auf, nicht mal abgewischt hat sich das Schwein, wir sind entrüstet, macht man denn so etwas?, nein, nein, nein, also rasch zum anderen Dachfensterbild, darin sie verschwommen nur zu sehen ist, weil sie sich inzwischen unter der Dusche befindet, man kann erahnen, was sie tut, der Brausekopf befindet sich verdächtig tief, die wird sich doch nicht, wir halten die Luft an, da erblindet das Kameraauge, nichts mehr zu sehen, die Akkus sind leer, Stromkabel haben wir keins dabei, Mensch, wir könnten jetzt natürlich auf den Balkon treten und direkt hinsehen, machen wir aber nicht, weil wir über Anstand und Benimm verfügen, sind doch keine Barbaren, der Rest dieser Aufzeichnung muss daher mit einem Störsignal aufgefüllt werden, später, wenn wir es am Computer bearbeiten, bevor wir es auf unserer Website veröffentlichen, wir könnten …………………….. folgen lassen, könnten aber auch Bilder aus einem Porno reinschneiden, was wir sein lassen werden, denn wir sind Künstler und keine notgeilen Voyeure.

Hatschi!

Der Kopf des Herrn Remus, dieser Eintopf aus kruden Ideen, Wahnbildern, Paranoia, Klageliedern und mit klaren Linien gezeichneten Vorstellungen von Pest und Cholera, taucht ins goldene Licht der Schreibtischlampe, die sein Schreiben auszuleuchten versteht, während sie das restliche Zimmer in Dunkelheit belässt. Die Hände flirren über die Tastatur, die seine Klaviatur dieses Augenblicks ist. Wort für Wort tropft der Rotz des Inneren aus ihm heraus. Er druckt sein Tempotaschentuch aus, zerknäult es und wirft es dann in seinen Abfalleimer Der Wortbruchstellenverursacher.

Über den Georg-Flüchner-Preis, Blake Blackwell, die Panic Society und einen verlorenen Blick

Die Geschichte dieses unseligen Seelenverkäufers, der von Remus Roman genannt wird, muss voranschreiten. Leserbriefe treffen ein, die sich beschweren, er würde Figuren einführen, über die er nun kein Wort mehr verliert: Reimann, die Wölfin, selbst Rohm, der doch eigentlich der Held dieses Schlammwurfs sein soll, sie alle seien nicht mehr auszumachen. Den Kopf schüttelnd entsorgt Remus die Sorgen der Leser in der Kloschüssel, nicht ohne bei einer Morgenzigarette darüber nachzudenken.

Plötzlich, er muss mehr als die üblichen zwei Packungen verraucht haben, sieht er sich von einer dicken Nebelschicht umgeben, die er, es kann nicht anders sein, soeben selbst erschaffen hat. Herr Remus wedelt aufgeregt mit der Hand, allein, es nutzt ihm nichts, der Rauch hat sich auf Straßen und Gebäude gelegt; jetzt hat er es, so denkt er, doch etwas mit dem Rauchen übertrieben. Verstohlen blickt er sich um und schlüpft zurück in die Wohnung.

Aufgeregt läuft er auf und ab, dann beschreiben seine Schritte einen Kreis. Wie soll es denn nun mit seinem Roman weitergehen? Möglich ist da alles. Rohms letzter Roman, den er von einem Buchmacher herstellen ließ, versandet in Schweigen, nein, nicht ganz, denn es gibt noch redliche Leserinnen, die sich um solche Machwerke kümmern. Er könnte den Buchmacher anrufen, ihn nach dem Stand des neusten Rohm-Schmachtfetzens befragen, lässt es aber, denn Gespräche mit Buchmachern,  diesen Wortschluckern, bereiten selten Freude.

So recht weiß er also nicht, wie es weitergehen soll, die Erzählung um Rohm stockt; er könnte Rohm abbrennen lassen, er könnte ihn von Außerirdischen entführen lassen.

Möglich ist viel, nur die Lust fehlt Remus, der sich nun neben sein Bücherregal setzt, um dort ein wenig zu stöbern. Er greift nach den Gedichten Blake Blackwells, dessen Geschichte noch unerzählt in seinen Fingerkuppen ruht; Blackwell, der als ausgemachter Schwindler galt, als Hochseilartist, als genialer Erfinder nutzloser Maschinen und vor allem als Vorsitzender der Panic Society. Die Gedichte sind hanebüchen schlecht formuliert. Da räkeln sich junge Frauen auf anderen jungen Frauen, dabei ständig OHS und ACHS ausstoßend, als würden diese Laute tatsächlich zum Repertoire der menschlichen Kommunikation zählen. Weg damit. Seine Hand ergreift einen Roman von Benjamin Satu. Den hat er nie gelesen, denn müsste er sich unbedingt vornehmen. Er liest den Klappentext, der sich darüber auslässt, wie großartig dieses Meisterwerk des verhaltenen Erzählens wäre, ein Monument der Stille; Remus blättert ins Büchlein rein, da finden sich auf jeder Seite nur wenige Buchstaben, die am Ende den einen Satz ergeben: W E R D E B A L D S T E R B E N. Na prima! Remus feuert den Satu in die Ecke, dort sollst du hin, dich schämen, dummer Roman. Remus kratzt sich an der Stirn, meint er sich doch zu entsinnen, Satu habe den Georg-Flüchner-Preis für dieses Machwerk erhalten. Auweia! Es hilft ja alles nichts, er muss, nachdem er einen letzten Blick in die Smoglandschaft vor seiner Haustür geworfen hat, zurück an die Arbeit, es muss geschrieben werden, was unbeachtet bleibt und nicht den Georg-Flüchner-Preis einheimsen wird. Remus will gerade tippen, da bemerkt er das Fehlen seines Blicks, den er ja vor der Tür ließ. Er besitzt zwar ein ganzes Album voller Blicke, aber dieser hatte es ihm besonders angetan. Also zieht er los, seinen Blick zu finden, bevor die erwachte Nachbarschaft einen zu genauen Blick auf ihn riskieren kann.

klitzekleineminigeschichte

Remus ist noch immer unzufrieden. Die Unzufriedenheit gehört zu ihm. Ständig liegt er mit sich im Krieg. Er gräbt einen Schützengraben, darin er liegt, die Zähne gefletscht. Der Feind ist dort draußen. Der Feind ist alles, was mit dem Leben zu tun hat. Mehr schreiben. Weniger schreiben. Gar nicht mehr schreiben. Sich erhängen. Einen Hügel stürmen. Remus ist ein kranker Mensch. Er würde sich am liebsten im Bett vergraben. Lesen, lesen, nochmals lesen, dabei liest er überhaupt nicht mehr. Er greift in die Bücher hinein, reißt einzelne Wörter heraus, Sätze, die er sich an die Stirn klebt. Remus liest vierhundert Bücher gleichzeitig. Sie liegen auf dem Nachttisch. Remus stürmt aus dem Graben. Er hält das Bajonett in die Luft. Da wird sich schon jemand zum Aufspießen finden. Beständig zugreifen, angreifen. Schreien, toben, schweigen. Remus ist keine reale Person. Er ist eine Kopfgeburt, eine Fiktion inmitten anderer Fiktionen. Die Nacht senkt sich hinab. Im November bereits um fünf Uhr. Scheißmonat. Fuck November! Aber, aber Herr Remus, dieses Mal sind wir doch von der Sonne gesegnet. Sie verwöhnt uns. Hängt uns auf den Köpfen. In den Köpfen. Für Remus zählt das nicht. Dort draußen ist ein Schlachtfeld. Er stürmt auf das offene Feld. Töten, schreit er. TÖTEN! Erschöpft bricht er zusammen. Wacht in seinem Bett auf. Vollmond. Er schleicht zum Schreibtisch hin, schreibt eine Geschichte über sich, eine klitzekleineminigeschichte. Er kann nicht ohne das Schreiben. Mit dem Schreiben auch nicht. Remus ist dem Krieg verfallen. Ein Todessüchtiger. Was soll man mit solchen Menschen nur anfangen?, schreibt er. Keine Antwort. Stattdessen eine Story über einen Müllmann, der sich vom eigenen Müll nicht mehr trennen kann, der sich in seinem Müll verliert, weil er das doch ist: dieser Müll!