Die Kälte

von guidorohm

Man sperrt sie aus, schlägt ihr die Tür vor der blauen Nase zu. Man verhöhnt sie mit der Wärme, die Pelze und Mützen spenden. Man beobachtet sie, besonders ihre Launen, denn fällt sie plötzlich in einen messbaren Minusbereich, weil auch sie einmal einen schlechten Tag hat, dann zerstören die Menschen ihre Kunstwerke aus gefrorenem Wasser. Mal mit Salz. Mal mit Schaufeln. Sie kann die Sonne nicht ausstehen, dafür mag sie Eskimos. Sie mag Iglus. Die Kühltruhen liebt sie des dort aufbewahrten Erdbeereises wegen.  Man stellt sie her, einzig um sie als Gefangene in Kühlräume zu sperren. Dort sitzt sie dann, denkt über Rinderhälften und den Sinn von Reibung nach. Reibung würde Wärme erzeugen. Sie reibt sich nie, aber sie reitet auf dem Wind. Sie versteckt sich in Eiskristallen. Man unterstellt ihr Verbrechen, für die sie nichts kann. Sie würde in den Herzen von Mördern wohnen, auch in den Körpern frigider Frauen. Sie würde sich gerne einmal den Rücken an der Sonne kratzen. Sich mit den Strahlen Speisereste aus den Zähnen puhlen. Das alles tut sie nicht. Sie liegt am Nordpol rum. In Sibirien setzte man sie lange Jahre als Wärterin ein. Sie trennte Fingerkuppen ab. Saß in den Gedanken ihrer Auftraggeber. Stalin höchstpersönlich lud sie vor.

In diesen Tagen, alt geworden von der langen Reise, irrt sie umher. Nichts kann sie trösten, sie spürt den Tod, die zunehmende Erwärmung.

Matt sitzt sie auf einer Bank vor einem Altenheim. Sie hockt im Gesicht einer Frau. Sie weiß, dass sie hier nicht bleiben kann.

Eine Stimme beugt sich über das Gesicht. Ganz kalt, spricht die Stimme.

Ein letztes Mal lächelt sie. Dann trägt man sie fort.

Remus schüttelt sich. Schon seltsam, was man alles so denkt, während man auf den Bus wartet.

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