Comic

von guidorohm

Rein. Tiefer. Bitte in diesen Raum. Die Gedärme, die von der Decke hängen, haben wir extra für Sie anbringen lassen. Der Zeitungsmann lächelt. Auf der Zunge könnte sich die Schmiere von dunkler Schokolade befinden. Oder ist das Druckerschmiere? Die Stühle! Er verweist auf die Stühle, die alle mit frischem Blut übergossen wurden, denn wenn man schon einmal den Autor des Romans Blutschneise begrüßen dürfe, dann solle er sich auch wohl fühlen. Aus Lautsprechern hört man das Keuchen sterbender Folteropfer. Rohm schreitet über zwei Leichen. Erst dann setzt er sich. Der Zeitungsmann blättert sein Gesicht nicht um. Rohm starrt sich diese eine Seite an. Keine Schlagzeilen. Kleine Meldungen über Unglücke am Morgen. Ein abgerutschter Rasierer. Wind klatscht die Hände an die Scheiben. Man sieht nicht hin, man spricht über den Roman. Viele Tote. Die kommen in der Zeitung vor. Der Zeitungsmann biegt den Kopf nach hinten. Er scheint sich der Gymnastik seines Gewerbes hinzugeben. Rohm verweigert solche Bewegungen. Ihr Tipp für den Schriftstellernachwuchs, Herr Rohm? Viel lesen, viele Filme ansehen, viel auf dem Sofa liegen, gekonnt gähnen, den Müßiggang nicht beschreiten, denn das kostet Kraft, die man für seine Fantasiemuskeln benötigt, man kann sich Flügel bauen. Und sonst noch etwas? Nichts. Doch! Erschießen Sie Menschen, die meinen Ihnen erklären zu müssen, wie so ein Text gebaut wird. Nicht wirklich natürlich. Rohm grinst. Schreiben Sie einfach darüber. Der Zeitungsmann nickt. Der Zeitungsmann versteht. Der Zeitungsmann sagt, es wäre Zeit. Für was denn? Ende. Schluss. Samstag erscheint der Artikel über Ihren Roman. Hab doch noch gar nichts gesagt. Aber, aber, Herr Rohm. Der Zeitungsmann zeigt auf sein Ohr. Das blutet schon, sagt er. In Redaktionsräumen zerplatzen die Worte. Die Erinnerung wird torpediert. Rohm ist sich gewiss, nichts gesagt zu haben. Besten Dank. Man schüttelt ihm die Hand. Er steht in der Winterkälte. Bibbert. Die Wolken verstecken sich in der Dunkelheit. Er schleicht über den Bürgersteig. Er bleibt stehen. Er fasst sich an den Kopf. Die Angst durchfährt ihn. Welche Angst denn? Es könne ihn gar nicht geben, er könne nur eine Comicfigur sein. Rohm nimmt Anlauf. Ein alter Mann beobachtet ihn aufmerksam. Rohm spurtet in die Nacht hinein. Er spürt den Bildrand. Er stößt sich wagemutig ab. Er springt ins nächste Bild. Tatsächlich. Das Leben ist nur ein Comic. Er sitzt an seiner Tastatur und schreibt über sich. Jetzt ist er Remus. Ich wusste es. Seine Augen fallen ihm aus dem Kopf. Nicht weiter schlimm. Er liest sie auf. Stopft sie in die Höhlen zurück. Aus den Höhlen kamt ihr. In die Höhlen sollt ihr. Rohm hetzt von Wortstein zu Wortstein. Er überquert den Fluss seiner Gedanken.

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