Der Mensch in seinem Labyrinth

von guidorohm

Herr Remus muss die Leser dieses Blogromans entdeckt haben. Vielleicht verschluckte sich einer von ihnen an einer Fischgräte. Wir fahren mit dem Finger (Brummbrummbrumm) rasch über die Zeilen, können aber nichts über Fische oder Gräten finden. Es könnte auch ein (durch eine Erkältung hervorgerufener) Hustenreiz gewesen sein. Die Tage werden allmählich kälter. Da müssen die Leser Sorge und einen Mantel um sich tragen, denn wir können hier niemanden entbehren.

Vor allem nicht Herrn Remus, der es nun weiß, dem es nun eine Gewissheit ist: Ich werde von Lesern beobachtet!

Das ist keine einfache Situation für ihn. Drum hockt er hinter einem der Sessel im Wohnzimmer und will nicht mehr in Erscheinung treten. Sein Gesicht, auch wenn Sie es nicht mehr erblicken können, ist rot. (Sie müssen meiner Erzählung hier einfach vertrauen.) Er schämt sich, dabei gibt es dafür überhaupt keinen Grund. Intimitäten aus dem Leben des Herrn Remus wurden hier (bisher) ausgespart. Zumindest hoffe ich das. Man wird mit den Jahren allmählich vergesslich.

Wir könnten ihn rufen. Alle gemeinsam.

„Herr Remus!“

Keine Reaktion. Ein zäher Bursche. Wir sollten einen flehentlichen Ton an den Tag legen.

Da ist er ja. Haben Sie ihn gesehen? Geschwind wie ein Burghornmännchen. Diese Geschmeidigkeit der Glieder hätten wir Herrn Remus gar nicht zugetraut. Er muss heimlich trainiert haben. Außerhalb dieser Romanzeilen. (Dabei dürfte es für ihn gar keine Welt ohne mich geben.)

Lassen Sie uns das Dach abheben, denn erst dann haben wir den besten Überblick. Das ist lustig. Sie und ich können uns ein Grinsen nicht verkneifen, erinnert die Ansicht doch nun an das Labyrinth für eine Maus.

Wir könnten Wetten abschließen. Wird Herr Remus, nervös wie er ist, den Ausgang finden? Wie lange wird er dafür benötigen?

Sie und ich tragen nun lange Ärztekittel.

Herr Remus schnuppert momentan aufgeregt am Fernseher, jetzt tippelt er am Wohnzimmerschrank entlang, drückt seinen Körper geschickt aus der Tür, schlüpft in die Gästetoilette. Das wirft ihn zurück. Das ist schade.

Herr Remus muss, wie es scheint, koten. Wir blenden uns deshalb aus.

Wir summen eine Melodie, die uns bekannt vorkommt, die aber niemand von uns zuordnen kann. Ein leichter Blick zur Seite. Geht doch. Herr Remus hat sein Geschäft beendet.

Und weiter geht es!

Aber was macht er denn jetzt? Er bleibt stehen, hebt den Kopf; Herr Remus hat uns entdeckt. Peinlich, peinlich, eine solche Situation. Rasch bedecken wir das Dach und ziehen uns zurück. Wir sollten der Romangestalt eine Verschnaufpause gönnen. Die haben es nicht einfach, diese armen Kreaturen. Jeder kann sie mit seinen Blicken einsaugen, vertilgen, verdauen, besprechen und bei Amazon bewerten. So sollte man eigentlich mit Fiktionen nicht umgehen. Trotzdem geschieht es tagtäglich. Da ist etwas faul im Staat, und ich meine damit nicht nur Dänemark.

Wir könnten einen Kaffee trinken, eine Zigarette rauchen. Sie könnten mir von etwas über sich und Ihr Leben erzählen. Sie dort drüben zum Beispiel könnten eine Erklärung abgeben, warum Sie unter ihrer Lederjacke eine Waffe mit Schalldämpfer tragen. Gefällt mir gar nicht. Solche Gäste mag ich nicht.

Vorsicht! Sie müssen pusten, denn der Kaffee ist noch sehr heiß.

Lehnen wir uns zurück und schweigen wir. Gemeinsames Schweigen ist eine hohe Kunst.

Ist hier erst wieder Ruhe eingekehrt, dann kann es auch im Roman wieder lärmen. Herr Remus muss sich beruhigen. Er muss das Gefühl haben, ganz und gar Herr seiner Lage zu sein.

Das denken Sie doch auch, oder?

Na, dann werden Sie mal lieber rasch einen Blick nach oben.

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