Erstes Winterungemach

von guidorohm

Schnee fällt. Plötzlich. Unerwartet.

Herr Remus steht am See, der sich neben seinem liebsten Fernsehsessel befindet. Auf dem See fahren Passagierdampfer. Zahlreiche Touristen, die von Jahr zu Jahr sein Wohnzimmer als Urlaubsort buchen, zücken ihre Kameras. Sie winken ihm zu. Herr Remus lächelt. Stellt sich in Position. Er spannt die Arme an. Die Muskeln entlocken den Gästen ein langgezogenes Ooooooooooooooo!

Da geschieht es. Das Wasser des Sees gefriert binnen Sekunden. Schnee fällt. Schon im nächsten Moment schlendert eine gelangweilte Rentierherde an Herrn Remus vorbei. Herr Remus weicht aus. Er kann sich nicht halten. Seine Arme rudern durch die Luft. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Man muss wohl schreiben: Das Unglück nimmt seinen Fall.

Nur Minuten später sind Feuerwehr und Polizei auf dem Weg. Man birgt Leichen.

Ich, ich, stottert Herr Remus.

Weil Herr Remus aber ein geübter Fantast ist, kann er sich aus dieser Situation ins Bett denken. Alles ist gut. Nichts ist je vorgefallen. Keine Toten. Keine Verletzten. (Zumindest redet er sich dies ein.)

Er liegt in seinem Bett. Weil ihm kalt ist, will er die Hände lieber unter der Bettdecke belassen. Eine Art von Greifarm fischt seine Abendlektüre vom Nachttisch. Momentan liest er einen Roman von Sergej Flachbau (Sergej Flachbau, Der Meister erklärt dem Lehrling schon lange nichts mehr, Verlag Totenhaus). Die Finger am Greifarm schlagen die Seiten des Buches für ihn um. Diese Stelle kennt er schon. Er nickt. Schon blättert die Maschinerie weiter. Ja, genau dort war er, genau an dieser Stelle.

Herr Remus sieht nur noch einmal kurz auf, als eine Eskimofamilie ihn nach dem Weg zur nächsten Wasserstelle befragt.

Über den See im Wohnzimmer schweigt er sich aus. Über den will er Gras wachsen lassen. Die Touristen dürfen nicht ausbleiben. Er ist auf das Geld angewiesen. Immerhin zahlen die Fremden in Golddukaten.

Herr Remus reibt sich mit dem Kinn über die Brust. Die Greifarme verstehen dies als Aufforderung, siebzehn Seiten weiter zu blättern.

Herr Remus verdreht die Augen. Böser Fehler, denn dies löst die an der Decke befestigten Gewitter aus. Blitze zucken. Jetzt hat er die Schnauze voll von diesem Tag.

Also schnippt er mit den Fingern. Ein alter Trick aus Indien lässt ihn augenblicklich in den tiefsten Tiefschlaf fallen. Geht doch, denkt sein Unterbewusstsein und träumt sich in die Südsee.

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