Träume von Träumen, die sich in Träumen träumen

von guidorohm

Ich habe das alles nur geträumt, all diese Blutseen und Bäume, die sich am Wegrand wie tot stellen, unter denen Kinderbeine zappeln, ein letztes Mal, bevor auch die Sonne ein letztes Mal untergeht, um die Welt in Kälte und Dunkelheit zu hinterlassen, ich habe von all den Wesen geträumt, die sich in die Schrift schlichen, Clowns mit angespitzten Zähnen, einer, den ich Rohm, einer, den ich Remus gerufen, zwei ungleiche Brüder, die sich an den Zitzen einer Wölfin nährten, die nun abgeschossen im Bachgrund liegt, mit keiner Regung, als der, mit ihrem Blut das Wasser zu färben, das dahinfließt, träge wie ein Brei, der zum Fluss wird, zum Meer, ich setze meine Schritte, die Oberschenkel brennen, die Füße sind längst nur Stumpen, drum habe ich mir aus den Knochen eines großen Tiers Krücken gemacht, ich kenne das Tier nicht, ich kann es nicht identifizieren, ein Elefant könnte es sein, ein Mammut, eine Art von Dinosaurier, ich ziehe an den rauchlosen Häusern der Talbewohner vorbei, deren Schmerzschreie noch im Wind wehen, deren Leiber nicht zu finden sind, nicht in den Räumen, nicht unter der Erde, denn ich sah nach, ich grub mit meinen Augen, tief und voller Inbrunst entfernte ich Erdschicht für Erdschicht, bis ich in einem fremden Bett erwachte, mir gewahr werdend, dies war alles nur erträumt, so wie das Leben aller meiner Geschöpfe eine Hirnspinnerei war, ich stand in meinem Kopf, in meiner Hirnweberei, die Maschinen liefen auf Hochtouren, ich ölte, damit die Produktion nicht stockte, Geschichte für Geschichte spuckten mir die Maschinen vor die Füße, die nun erfrorenen, die den Körper mühsam tragen, wohin auch immer, ich schlage die Augen auf, blicke mich um, sitze nun in einem neuen Traum, der mich an einer fremden Tastatur sitzen lässt, an einem neuen Roman, in meinem Rücken sitzt eine Frau, mit gequollenen Augen, den Mund zum Schrei geöffnet, im Arm eine Spritze, die ihr Frieden bringen soll, ich will sie fragen, sie antwortet schon, mit leiser keuchender Stimme, das sei F, eine neue Droge aus der Unterstadt, die dem Menschen die Seele nähme und somit den kalten Frieden schenke, sie sieht mich an, sie lächelt eisig wie eine Scholle, sie treibt auf den Wassern ihrer Ängste, die sie gefangen setzen, die sie nicht los lassen, so sehr sie es sich auch einredet, F ist keine Hilfe, LSD, Heroin, Meskalin, Benzedrin, ich erinnere mich an die Jahre auf den Straßen, die mich in SF ankommen ließen, Sie kennen doch hoffentlich SF (oder vielleicht wäre es besser, Sie würden es nicht kennen, ach, was weiß ich denn), diese Stadt der Huren, Trinker, Tänzer, Akrobaten, Kopfläufer, Abhäuter, Schranksitzer, Bettdenker und Schwertraumverbieger, denn dort hatte ich mein Büro, vielleicht war es nur ein weiterer Traum im Traum, wie soll ich das noch unterscheiden können, ich sitze und tippe auf einer Ferlinghetti, aus der Küche taumelt eine junge Frau, Liza oder Lea, die ich in wenigen Stunden mit einer Überdosis F aus diesem Traum befördern werde, das wirst du nicht, sie legt mir ihre Hand, zartgliedrig, auf die Schulter, sie lässt ihre Leidenschaften strömen, die sich in meinem Körper verteilen, bis ich bemerke, dass ich auf dem Boden sitze, im Arm eine Spritze, habe ich mir doch F injiziert, das mich nun auf Spurensuche schickt, ich taumele von Universum zu Universum, stehe schreiend in einem Pub, an meiner Seite Trapper, die ihre Lieder grölen, Lieder, die ihre Einsamkeit in den Winternächten vertreiben soll, ich stehe auf einem Berg, einem Hochhaus, ich befinde mich auf einer Party in SF, sie reden mich an, reden wild auf mich ein, Louis, Louis, schreien sie, im nächsten Augenblick sitze ich bereits wieder vor dieser klapprigen alten Ferlinghetti und tippe tippe tippe tippe, ich schwitze mir den F-Schweiß aus den erfundenen Poren, es gab niemand, erkläre ich Bill, der sich als Freund vorstellt, da ist niemand, ich bin allein, ich liege in einem sargähnlichen Monstrum in Silicon Shelly, denn dort schwitze ich meine Träume aus, verkabelt, angeschlossen an ein großes Computersystem, ich sitze und schreibe eine Geschichte über das Silicon Shelly, ich schreibe sie direkt in meine alte klapprige Ferlinghetti, die sich unter meinen Einschlägen windet, die darum fleht, nicht mehr benutzt zu werden, man hätte doch auch Rechte als alte Schreibmaschine, ruft sie mir zu, ich höre auf, ich lausche in die Nacht hinein, die Stadt ist erfüllt vom Lärm der heimkehrenden Soldaten, Wir haben gewonnen!, rufen die Zeitungsjungs aus, die dich unter der Hand mit F versorgen können, die sich alten Bürovorstehern in Hinterhöfen hingeben, die ihre Zähne ins Mauerwerk schlagen, von den Häusern schmeckend, die Geschichten der Häuser schluckend, weil das Haus alles abspeichert, Wärme, Kälte, Schreie, Wimmern, Keuchen, Freude, Trauer, Sex, Angst, echte wahre Liebe, und die Zeitungsjungen kosten davon, während sich das Bürovorstehersperma in ihre Ärsche ergießt, sie zerren ihre Hosen hoch, stolpern davon, rufen die Geschichten der Häuser in die Straßen, die von den Torkelnden überspült sind, die Straßen laufen über, ich sitze am Fenster meiner Wohnung, schreibe alles auf, ich ritze die Buchstaben mit einem Messer in meine Haut, ich bin auf der Hut, ich trage einen Hut, ich lege mich schlafen, schlage die verwanzte Decke über mich, ich schließe die Augen, in der Hoffnung, endlich einmal erwachen zu können, endlich einmal, und Gott segne F und SF und all die Huren und Dichter und Kopfläufer und mich, der in die Realität gleitet, hinüber in den nächsten Traum, der nicht die Hoffnung fahren lässt, dereinst zu erwachen.

Ich öffne die Augen. Ich bin hier.

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