Über den Georg-Flüchner-Preis, Blake Blackwell, die Panic Society und einen verlorenen Blick

von guidorohm

Die Geschichte dieses unseligen Seelenverkäufers, der von Remus Roman genannt wird, muss voranschreiten. Leserbriefe treffen ein, die sich beschweren, er würde Figuren einführen, über die er nun kein Wort mehr verliert: Reimann, die Wölfin, selbst Rohm, der doch eigentlich der Held dieses Schlammwurfs sein soll, sie alle seien nicht mehr auszumachen. Den Kopf schüttelnd entsorgt Remus die Sorgen der Leser in der Kloschüssel, nicht ohne bei einer Morgenzigarette darüber nachzudenken.

Plötzlich, er muss mehr als die üblichen zwei Packungen verraucht haben, sieht er sich von einer dicken Nebelschicht umgeben, die er, es kann nicht anders sein, soeben selbst erschaffen hat. Herr Remus wedelt aufgeregt mit der Hand, allein, es nutzt ihm nichts, der Rauch hat sich auf Straßen und Gebäude gelegt; jetzt hat er es, so denkt er, doch etwas mit dem Rauchen übertrieben. Verstohlen blickt er sich um und schlüpft zurück in die Wohnung.

Aufgeregt läuft er auf und ab, dann beschreiben seine Schritte einen Kreis. Wie soll es denn nun mit seinem Roman weitergehen? Möglich ist da alles. Rohms letzter Roman, den er von einem Buchmacher herstellen ließ, versandet in Schweigen, nein, nicht ganz, denn es gibt noch redliche Leserinnen, die sich um solche Machwerke kümmern. Er könnte den Buchmacher anrufen, ihn nach dem Stand des neusten Rohm-Schmachtfetzens befragen, lässt es aber, denn Gespräche mit Buchmachern,  diesen Wortschluckern, bereiten selten Freude.

So recht weiß er also nicht, wie es weitergehen soll, die Erzählung um Rohm stockt; er könnte Rohm abbrennen lassen, er könnte ihn von Außerirdischen entführen lassen.

Möglich ist viel, nur die Lust fehlt Remus, der sich nun neben sein Bücherregal setzt, um dort ein wenig zu stöbern. Er greift nach den Gedichten Blake Blackwells, dessen Geschichte noch unerzählt in seinen Fingerkuppen ruht; Blackwell, der als ausgemachter Schwindler galt, als Hochseilartist, als genialer Erfinder nutzloser Maschinen und vor allem als Vorsitzender der Panic Society. Die Gedichte sind hanebüchen schlecht formuliert. Da räkeln sich junge Frauen auf anderen jungen Frauen, dabei ständig OHS und ACHS ausstoßend, als würden diese Laute tatsächlich zum Repertoire der menschlichen Kommunikation zählen. Weg damit. Seine Hand ergreift einen Roman von Benjamin Satu. Den hat er nie gelesen, denn müsste er sich unbedingt vornehmen. Er liest den Klappentext, der sich darüber auslässt, wie großartig dieses Meisterwerk des verhaltenen Erzählens wäre, ein Monument der Stille; Remus blättert ins Büchlein rein, da finden sich auf jeder Seite nur wenige Buchstaben, die am Ende den einen Satz ergeben: W E R D E B A L D S T E R B E N. Na prima! Remus feuert den Satu in die Ecke, dort sollst du hin, dich schämen, dummer Roman. Remus kratzt sich an der Stirn, meint er sich doch zu entsinnen, Satu habe den Georg-Flüchner-Preis für dieses Machwerk erhalten. Auweia! Es hilft ja alles nichts, er muss, nachdem er einen letzten Blick in die Smoglandschaft vor seiner Haustür geworfen hat, zurück an die Arbeit, es muss geschrieben werden, was unbeachtet bleibt und nicht den Georg-Flüchner-Preis einheimsen wird. Remus will gerade tippen, da bemerkt er das Fehlen seines Blicks, den er ja vor der Tür ließ. Er besitzt zwar ein ganzes Album voller Blicke, aber dieser hatte es ihm besonders angetan. Also zieht er los, seinen Blick zu finden, bevor die erwachte Nachbarschaft einen zu genauen Blick auf ihn riskieren kann.

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