Das Pferdekind

von guidorohm

Remus ist unzufrieden. So ein Blogroman benötigt mehr Spannung. Es muss knistern, als würde ein Kind die Silberfolie von einer Schokolade wickeln. Seht mal, könnte das Kind schreien. Ich habe Silber gefunden. Aufgeregt wirft es die Schokolade zur Seite. Dort liegt sie dann. Vergessen, bis sich eine fürsorgliche Seele ihrer erbarmt und sie in seine Magentasche steckt. Dort kann sie dann schmelzen vor Liebe und Freude, während das Kind sich noch immer reich wähnt. Gold wäre besser. Das weiß auch das Kind. Also zieht es mit seinem treuen Klepper los, mit seinem Pferd, das mit ihm verwachsen ist. Man kann keinen Unterschied zwischen Kind und Pferd ausmachen. Das Pferdekind sattelt sich selbst. Es hält die Zügel. Sieht sich, in den Satteltaschen das Silberpapier, verwegen um und gibt dann seinem Pferd, das den Namen Ramirez tragen könnte, die Sporen. Da rasen sie dahin. Das Pferdekind durchquert Asphaltflüsse, landet auf Inseln mit nur einem Ampelbaum. Hier kann das Kind nicht bleiben. Diese Inseln sind gefährlich. Es hat darüber gelesen. Auf manchen dieser Inseln leben Kannibalen. Die fressen sich gegenseitig auf. Nicht gegenseitig, das Kind kann sich erinnern, wohl aber verirrte Reisende. Also rasch weiter. Das Kind verliert keine Zeit, weil es noch keine hat. Zeit ist ihm ein Fremdwort. Bis zum nächsten Geburtstag ist es stets eine Ewigkeit. Das Kind kann gar nicht fassen, wie lange ein Jahr ist. Ein Jahr dehnt sich von hier bis in die Unendlichkeit. Das Kind wünscht sich oft, die Zeit möge schneller vergehen. Aber die Zeit horcht nicht auf das Kind. Sie hat ihren eigenen Willen. Aus Sicht des Kindes kriecht die Zeit wie eine Schnecke. Das Kind befindet sich auf dem Weg in die Berge, denn dort, so konnte das Kind es aus einem Western ersehen, wurde dereinst ein Schatz von einer bösartigen Bande vergraben. Die Bande war so garstig, dass das Kind am ganzen Körper zitterte. Die Bande lachte die ganze Zeit über, was das Kind nicht verstand, denn eigentlich lachen doch meist die Guten. Die Guten lachen und reiten in den Sonnenuntergang. So hat es das Kind auch geplant. Aber erst muss das Kind auf den Berg, der, das Kind muss das eingestehen, eher ein Hügel oder eine Erhebung ist. Zumindest ist der Berg nicht besonders hoch. Das Kind stört das aber nicht. Berg ist Berg, man muss es nur sehen können. Das Kind gibt sich abermals die Sporen. Schneller, schneller. Das Kind hört einen Ruf. Abendessen. Das Kind schreckt auf. Ein Zauber muss es vom Berg geholt haben, denn das Kind sitzt plötzlich, in der Hand das Silberpapier, in seinem Zimmer, während aus der Küche die Stimme der Mutter ertönt. Das Kind verzieht das Gesicht. Es lässt das Silberpapier fallen, das nun zu Boden schwebt. Das Kind wird sich später um das Gold kümmern. Jetzt muss es ins Lager. Es befindet sich auf einer Expedition durch einen fremden bedrohlichen Dschungel. Soeben rief man ihn zum Essen. Auch Helden müssen Nahrung zu sich nehmen. Das Kind nickt und tritt in die Lichtung, die von manchen Küche genannt wird. Das Kind setzt sich und schaufelt Würmer in seinen von der Sonne verbrannten Körper. Remus sitzt neben dem Kind. Er zeigt auf das Kind. Versteht du jetzt, was ich meine, fragt Remus. Er klopft dem Kind auf den Rücken, bedankt sich für die Demonstration. Dann setzt er sich an den Schreibtisch. Er schreibt, ohne seine Finger zu benutzen. Herr Remus braucht so etwas wie Finger nicht. Er schreibt im Kopf. Hach, ruft er auf. Schon wieder ein Roman beendet. Er nickt zufrieden. Dann löst er sich in Luft auf.

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