Das geheimste Geheimnis aller Zeiten

von guidorohm

Man hat Remus ein Geheimnis zugetragen, ein geheimes Geheimnis mit den schier unendlichen Ausmaßen totaler Verschwiegenheit. Er darf nicht darüber reden, würde seine öffentliche Verbreitung doch die Grundfesten des menschlichen Zusammenlebens auf das empfindlichste stören, ja, nichts wäre mehr so, wie es einmal war; es könnte sogar sein, dass die Welt unterginge, erführen die obersten und als wichtig geltenden Regierungschefs davon. Nicht einmal daran denken soll man, weil das Wissen, das dem Geheimnis innewohnt, das Hirn angreifen und zerstören kann. Remus hat das Geheimnis daher in einer Kiste verstaut, einer imaginären natürlich nur, die er in einem ebenso imaginären Fantasiemeersee in seinen hintersten Gehirnregionen versenkte. Allein, er weiß dies reicht nicht aus. Er muss den Ort, an dem das Geheimnis fortan ruht, vergessen. Deshalb ist er über Stunden gegen eine Mauer gelaufen, in der Hoffnung, sich eine geeignete Kopfverletzung, eine, die das Vergessen fördert, zuzufügen. Leider war dieser Unternehmung kein Erfolg beschieden. Platzwunden säumen sein Antlitz, die zwar schmerzen, aber keine Amnesie erzeugten. Es wäre ihm lieber gewesen, man hätte ihm das Geheimnis erst gar nicht anvertraut. Nun befindet es sich in seiner Obhut und er muss sehen, wie er sich und die Welt davor schützt. Jetzt ist Remus ein Geheimnisträger (Links- oder Rechtsträger?), ein Eingeweihter, ein Wissender. Wo nur wäre das Geheimnis vor den Zugriffen der Häscher des Bösen geschützt? Remus überlegt, brütet, ihm wird schon noch eine Idee schlüpfen, ein kleines Lösungsküken. Das Geheimnis kann nicht in seinem Kopf bleiben. Sein Kopf ist ein unsicherer Ort, der von allerlei zwielichtigen Gestalten heimgesucht wird. Die würden seinem Geheimnis bald schon auf die Schliche kommen. Er muss es also notieren und irgendwo außerhalb seines Schädels lagern. Remus greift nach einem Federkiel, nach der unsichtbaren Tinte und notiert das Geheimnis auf einen unsichtbaren Zettel. Da steht es. Unfassbar. Er kann es nicht fassen. Welch ein Geheimnis. Er vertraut den Zettel einer unsichtbaren Flasche an, die er, Remus beugt sich vornüber, mit einer raschen und unüberlegten Bewegung einem unsichtbaren Meer anvertraut. Fort ist fort und kann nicht wiedergeholt werden. Erleichtert sinnt Remus in die Ferne. Er will sich gerade wieder seinem Arbeitsplatz zuwenden, da stößt etwas gegen seine Füße. Sie ahnen es bereits, was soll ich das Unvermeidliche also einer falschen Spannung wegen in die Länge ziehen, es handelt sich um die unsichtbare Flasche. Remus seufzt, wird er sich doch allmählich gewahr, diesem Geheimnis nicht entfliehen zu können. Er setzt sich an seinen Schreibtisch und vertraut das Geheimnis einer Geschichte an. Dort ist es gut aufgehoben, denn einer Geschichte vertrauen die Menschen nicht. Endlich hat Remus den geeigneten Platz gefunden.

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