Die Ungewissheiten

von guidorohm

Remus lässt Rohm ins Ungewisse stürzen. Er lässt ihn hadern, mit sich und dem Schicksal. Im ersten Satz des neuen Kapitels steht Rohm auf dem Balkon seiner Wohnung. Er lauscht in die Nacht hinein. Der Schöpfer lässt Laub über die Straße wehen. Für Remus hört es sich an wie ein Klatschen. Er zuckt zusammen. Wer applaudiert ihm da? Er beugt sich über das Geländer. Niemand ist zu sehen. Hastig nimmt er einen Zug von der Zigarette. Die Welt kommt ihm fremd und unnahbar vor. Dort draußen geschehen Dinge, von denen er nichts weiß, die aber Einfluss auf ihn haben. Warum antwortet sein Verleger auf keiner seiner Mails? Auch auf Anrufe hat er nicht reagiert. Ist er etwa einem tollwütigen Schreiber ausgesetzt, der ihn und sein Leben Tag für Tag erfindet? Rohm schüttelt den Kopf. Er zwingt sich ein Lächeln auf die Lippen, das ihm entgleist. Unsinn. Es gibt keine Götter dort draußen. Und das wird er sich auch nicht an diesem Morgen einreden. Er drückt die Zigarette aus, tappt in die Wohnung. Sekunden später sitzt er mit einem Kaffee vor der Tastatur. Vielleicht wäre es besser, das Schreiben sein zu lassen. Alles aufzugeben. Er weiß, dass er das nicht tun kann. Er kann nicht mit dem Schreiben leben. Ohne das Schreiben geht es aber auch nicht. Rasch durforstet Rohm das Internet. Er googelt seinen Namen. Er ist auf der Suche nach sich. Irgendwo dort draußen gibt es ihn. Seine Biografie wächst. Nicht an diesem Tag. Nicht an diesem Morgen. Er nimmt einen Schluck vom Kaffee. Öffnet das Word-Dokument. Er müsste etwas schreiben. Nur eine Kleinigkeit. Das würde ihn retten. Er kann es spüren. Es juckt ihn in seinen Fingern. Da ist nichts. Kein Wort, das wirklich geschrieben werden müsste. Also kehrt er ins Internet zurück. Immer noch keine neuen Besprechungen der Blutschneise. Sie verschweigen ihn. Sie sperren ihn aus. Er kann die Verschwörung spüren, die sich hinter seinem Rücken zusammenbraut. Sie sitzen ihm im Nacken. Sie wollen ihn vernichten. Warum nur? Beruhig dich doch, denkt er, denkt er nicht, weil Remus es ihn denken lässt. Aber davon weiß er nichts. Er ist den Geschicken eines drittklassigen Erzählers ausgesetzt, der in seiner Kindheit zu viele schlechte Science-Fiction-Romane gelesen hat. Jetzt spielt dieser Stubenhocker Gott. Und wer muss leiden? Eine arme Figur in einem Internetroman namens Rohm, die nicht ahnt, welchen Kräften sie ausgesetzt ist, Kräfte, die ihn in diesem Augenblick in die nächste Depression stürzen, nur weil der Autor meint, die stände seinem Helden gut zu Gesicht. Rohm sitzt geknickt da. Er würde gerne die Hand heben, um zu schreiben. Es geht nicht. Etwas hält ihn zurück. Wenn er doch nur wüsste, was mit ihm geschieht, er würde sich wehren. Seine Lippen zittern. Mit denen könnte er beginnen. Er könnte seine Lippen beschreiben. Er tut es nicht. Er hat plötzlich Depressionen. Er lehnt sich zurück. Er starrt auf den Bildschirm. Er schweigt. Dann beginnt er doch noch zu schreiben. Langsam. Schwerfällig. Die Worte ergeben keinen Sinn. Er löscht sie. Rohm schaltet den Computer aus. Das war es, denkt er. Das ist das Ende.

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