Herr Remus beauftragt einen Buchmacher

von guidorohm

Weil sich Rohm nicht dazu überreden lassen will, einen neuen Roman zu schreiben, hat Remus den Buchmacher angerufen. Die Stimme des Buchmachers klingt dunkel und zerfleddert wie ein altes Buch, das man in einer Kiste auf dem Dachboden gefunden hat. Man muss diese Stimme sortieren, sie in die richtige Reihenfolge bringen. Die Worte ergeben keinen Sinn. Aber Remus kennt keinen anderen Buchmacher, also wendet er sich an diesen. Sein Name ist Louis Gordon. Er ändert seinen Namen ständig. Mal heißt er Leopold Schuck, mal Theodor Fontane, dann wieder Tom Torn. Er lebt die Autoren, dessen Bücher er schreibt. Er trägt ihre Namen, weil er zu ihnen wird. Remus will ihn überzeugen, gegen ein gewisses Entgelt natürlich, sich in den nächsten Wochen Guido Rohm zu nennen. Der Buchmacher knurrt, zieht an einer Zigarette, hustet, legt den Hörer zur Seite und spricht zu seiner Frau, die sich als Gelegenheitsdichterin verdingt. Sie schreibt hölzerne Gedichte, die keiner Form folgen, wohl aber dem unbedingten Willen sich zu reimen. Die Frau des Buchmachers schreibt Gebrauchstexte, die für Geburtstage, aber auch für das Internet geordert werden. Remus kann nicht genau verstehen, was der Buchmacher sagt, denn er verschluckt die Worte. Buchmacher, das ist bekannt, ernähren sich von Worten. Sie fressen ganze Wortleiber. Statt eines Abendbrots genießt ein Buchmacher eine Buchstabensuppe, gefolgt von Wörterbuchaufschnitt, den er großzügig auf einer Romanseite verteilt. Er benötigt Kraft, um die Aufträge, die an ihn herangetragen werden, zu bewältigen. Manche Buchmacher schreiben gleichzeitig für fünf Autoren. Eine schier unmenschliche Anstrengung, die schon so manchen Buchmacher ins Grab gebracht hat. Dieser aber hier nimmt, so vermutet es Remus, denn er hat nichts von dem verstanden, was der Buchmacher an Worten hinunter schluckte, den Auftrag einen Rohm-Roman zu schreiben wohl an. Erleichtert legt Remus auf, er lässt den Hörer auf die Gabel plumpsen. Buchmacher lassen sich nur mit traditionellen Telefonen erreichen, ein Handy, warum auch immer, ist nicht in der Lage des Buchmachers Nummer anzuwählen. (Die Telefonnummer eines Buchmachers ist schrecklich lang, man benötigt zum Teil eine Woche, um sie zur Gänze gewählt zu haben.) Remus klopft mit der flachen Hand an seine Stirn. Dann ruft er: Du wirst ab sofort wieder an einem Roman arbeiten, zumindest offiziell, denn ich habe die Arbeit einem Buchmacher übertragen. Remus wartet einen kleinen Augenblick, weil sich aber nichts tut (er vermutet, dass Rohm schläft), spielt er Lastkahn. Er belädt seinen Kopf mit Taschenbüchern, die von einem Buchregal zu einem anderen gebracht werden müssen. Während sein Körper also arbeitet, lehnt sich Herr Remus zurück. Er betrachtet den Himmel, denn seine Gedanken lassen die Sonne scheinen. Ein herrlicher Tag für einen Schiffer, denkt er, streckt die Füße von sich und träumt.

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