Das entsetzliche Wort

von guidorohm

Das entsetzliche Wort hängt noch in der Luft, die angefüllt ist mit verärgerten Worten, Haarbüscheln und einem Tropfen Blut, der sich später keiner Wunde zuordnen lassen will, obwohl derer genug vorhanden sein werden.

In der Nacht noch zieht Remus seine Fiktion aus dem Kopflager hinab in die Wirklichkeit, ihn vor den Bildschirm schleppend und auf das Ungemach hinweisend. Wie könne es sein, zischt Remus los, wie, er muss sich an Herz, Leber und Niere fassen, hier, hier, stottert er wie ein Auto los, das nicht anspringen will. Dann schweigt er, sich den kalten Schweiß von der Stirn wischend und zeigt mit seinen zitternden Fingern auf den Blogroman, der plötzlich Werbung in den Raum hinein bellt. Rohm zuckt verschlafen die Schultern. Er kann die Aufregung nicht verstehen, sagt nur, ein bisschen Werbung kann meinem Buch nicht schaden, und will zurück ins Bett. Remus hält ihn, er verlangt eine Aussprache, denn immerhin könne man so nicht dauerhaft zusammen arbeiten. Werbung habe in seinen Roman nichts verloren. Überrascht und froh seine Stimme wiedergefunden zu haben, lockert Remus den Griff. Natürlich nutzt Rohm diese Sekunde der Unachtsamkeit, beugt sich zum Ohr hin und schreit, laut, lauter: AUFWACHEN!

Wenige Augenblicke später stehen sie alle im Zimmer: Witold Reimann, der sich seinen verkaterten Kopf hält und der immer wieder überrascht und irritiert ist, keine reale Person zu sein, die Wölfin, außerdem noch Blake Blackwell, der seit so vielen Jahren tote Dichter. Sekunden später brüllen sich alle an, sie schreien, sie toben; niemand weiß so recht, um was es denn überhaupt geht. (Wer will schon sagen, wie es dann zum Kampf zwischen den Fiktionen und ihrem Schöpfer kam, denn, auch wenn der Ton dies oft vorgaukelt: einen auktorialen Erzähler hat dieser Roman nicht vorzuweisen.)

Denn ich, der ich diese Geschichte erzähle, stecke mitten in ihr drin. Ich bin also ein unzuverlässiger Führer, ein Lügenbaron, ein Tunichtgut, ein HansGuckindieLuft, ein Sendbote des Satans, der Eisverkäufer Gottes.  

Die Fetzen, um nun in den Roman wieder einzusteigen, fliegen, Kleidungsstücke wechseln den Besitzer. Eine rechte Schlägerei ist im Gange, deren Ausgangspunkt die hehren Ansichten des Herrn Remus über die Kunst sind.

Später wird man erschöpft am Tisch sitzen; man wird ein Glas Wein trinken, wird nach einem zweiten Glas fragen, denn ein Glas für all die Leute scheint untertrieben, man könne es ruhig, wird Rohm vorschlagen, übertreiben, der Roman müsse langsam Fahrt aufnehmen. Und Werbung gehöre in den heutigen Zeiten dazu. Remus wird ihn streng anblicken. Keine Werbung zukünftig mehr, und wenn doch, dann müsse sie mit ihm abgesprochen sein, man müsse sich nur den Werbeslogan ansehen, dann wisse man, welch schreckliches Niveau inzwischen erreicht sei.

Aber noch ist man nicht so weit, noch bohrt sich die Faust des Herrn Remus ins Gesicht des Herrn Rohm, der sich mit einem fiesen Fußtritt rächen wird.

Nur Reimann und Blackwell stehen am Rande des Geschehens. Sie schlürfen einen Portwein, wundern sich über den Erzählstrang dieser Geschichte, und beraten leise flüsternd, ob sich nicht ein anderer Autor auftreiben ließe, bei dem man anheuern könne.

Advertisements