Wasserfall

von guidorohm

Ein Vater, ein Vater, da war doch einer, denn schließlich hat doch jeder einen, was war mit deinem? Rohm will nicht, er legt sich zurück und Wert darauf, eine Fiktion zu sein, ein Springausdemkopf, aber Remus, der an seinen Fingernägeln kaut, der zu einem Bild blickt (einer Reproduktion des berühmtes Gemäldes Wasserfall von Johann Heinrich Sebastian Conrad Valentin aus dem Jahre 1885, auf dem ein Mann auf einem Floß zu sehen ist, der ganz in seine Arbeit vertieft ist, die vor ihm auf einem Stehpult ausgebreitet ist und der nicht zu bemerken scheint, dass er jede Sekunde in den Tod hinab stürzen wird), das ihm keine Ruhe lässt, weil er das Bild von seinem Vater dereinst zum dreizehnten Geburtstag in die feuchtnassen Hände gedrückt bekam, redet weiter und weiter auf Rohm ein, endlich auszupacken, sich zu erleichtern, so ginge das nicht, sagt Remus, ein Kind seiner Seele dürfe keine Geheimnisse vor ihm haben, aber Rohm schweigt beharrlich, erzählt nicht von seinem Vater, denn man muss ja nicht alles ausbreiten, vor allem nicht vor Remus, der es inzwischen gewöhnt ist, dem es zur Sucht wurde, jeden und alles in seinem Blogroman auszubreiten. Remus werfe eh nur alles der Öffentlichkeit zum Fraße vor. Remus kümmert das nicht. Er solle, sagt er, sich da mal nicht so haben, Memme, denn bei all der Ausbreiterei wisse der Leser am Ende gar nichts mehr. So wie Pynchon ins Nichts abgetaucht sei, hinter einem Gebüsch oder in einer Zeichentrickserie mit einer Mülltüte hockend, um der Öffentlichkeit zu entkommen, so breite er eben Rohm im Netz aus; er schichte Anekdote über Anekdote bis am Ende nichts mehr von Rohm übrig bliebe. Er schreibe ihn in die Unkenntlichkeit hinein. Da müsse man also keinerlei Befürchtungen haben. Er schütze ihn damit eigentlich. Rohm überzeugt das nicht. Er schweigt beharrlich, folgt dem Blick seines Schöpfers hin zum Wasserfall des Johann Heinrich Sebastian Conrad Valentin aus dem Jahre 1885. Wo er das Bild denn gekauft habe, fragt Rohm, bekommt aber keine Antwort, weil Remus mit feuchten Augen in die Ferne seines Inneren blickt, seinem Vater folgend, über den es nichts zu reden gibt, über den er nie ein Wort verlieren wird, seinen Vater, der sich als Fälscher für Jahre hinter Gitter brachte, der seinen Sohn mit Bildern von Picasso und Rothko zum Geburtstag überraschte, bis zu dem Tag, da sie den Vater verhafteten und der Sohn alle Geschenke an die Polizei aushändigen musste, alle, bis eben auf dieses eine, das noch immer hier hängt, hier in seinem Gehäus, in dem sich Wölfinnen putzen und Fiktionen der Auskunft über den Vater verweigern. Eine Träne folgt der anderen. So sitzt er und bedenkt sich.

Advertisements