Mörder

von guidorohm

Die Frau hat abgenommen. Sie zieht sich ins sich zurück. Die Haut stülpt sich nach innen. Die Haut fällt in ihr Skelett. Sie versinkt. In sich. In ihren Erinnerungen. Remus ist ihr heute auf der Treppe begegnet. Sie vermisse ihren Mann. Das sagte sie. Flüsterte es. Hauchte es ins Treppenhaus. Kein Hall. Kein Klang. Die Töne blieben ungehört. Remus las es von ihren Lippen. Er liegt auf dem Sofa. Er denkt an die sich in Luft auflösende Frau. An die Wolke, die an diesem Morgen an ihm entlang keuchte. Kurz vor ihrer Tür deutete sie einen Strick an. Sie hing bereits mit ihrem Hals im Seil. Die Zunge fiel ihr aus dem Mund. Ich vermisse meinen Mann. Dann schloss sie die Tür auf, verschwand in ihre dunklen Wohnung. Remus zog sich am Geländer in die Höhe.

Er schließt die Augen, sieht sie bereits einen Stuhl unter die Lampe schleppen. Die Lampe wird nicht halten. Man wird sie finden. Vielleicht auch nicht. Sie ist dort unten und verfällt. Die Frau lebt in keiner Wohnung, sondern in einem Sarg mit Bad und Küche. Sie atmet Vergangenheit ein. Sie leckt über eine Fotografie, die ihren Mann zeigt. Ihr Mann ist tot. Sie wird ihm folgen. Jetzt könnte sie in der Küche sitzen. Oder aber auf dem Badewannenrand. Remus weiß es nicht. Er steht auf. Langsam. Remus ist ein Ausbeuter. Ein Geschichtensauger. Ein Vampir. Er setzt sich an die Tastatur und schreibt über die Begegnung mit der alten Frau, die er vielleicht auch nur erzählt bekommen hat. Er könnte die Geschichte geträumt, gelesen oder im Fernsehen gesehen haben. Ihm ist das einerlei. Die Worte setzen sich. Die Worte bilden eine Kette, die Worte knüpfen sich zu einem Seil, in dem man ersticken kann. Manchmal widert Remus das Schreiben an. Entkommen kann er diesem Ekel aber nur, indem er darüber schreibt. Remus tippt Buchstabe für Buchstabe, bis er die Frau endlich sehen kann. Er hilft ihr auf den Stuhl. Er hilft ihr beim Verknoten des Seils an der Lampe. Er lässt die Lampe halten. Ihre Beine zucken. Wippen dann. Jetzt hat sie ihren Frieden.

Mörder, hört Remus sich rufen und geht auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Manchmal kommt er schlecht mit sich und der Welt aus. Aber wirklich böse meint er es nie. Nicht mit sich. Und nicht mit den anderen. An der Zigarette saugend lässt er die Zeit rückwärts laufen. Schon atmet die Frau wieder. Besser fühlt er sich nicht. Er drückt die Zigarette aus und geht zurück in die Wohnung.

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