Ein Käfer, der Banküberfälle begehen wird

von guidorohm

Remus auf dem Sofa. Rettungslos verloren. Er paddelt mit der Fernbedienung. Zwischendurch ein Blick in die Seekarten, die  wie Romane aussehen. Abtauchen. In Paris wieder auftauchen. Luft holen. Sich rasch einen Film ansehen. Einen alten Russen. Stummfilme lassen ihn verstummen. Also sitzt er da, raucht eine Zigarette nach der anderen, bis seine Fiktionen sich beschweren, er müsse auch ein wenig für sie da sein. Für wen? Für dich? Dich? Er schmettert sie alle ab. Rohm hängt an seinem Bein. Rohm schreit: Ich will endlich wieder an einem neuen Roman arbeiten. Pah! Dann mach doch. Remus rudert durch die seichten Gewässer des deutschen Fernsehens. Da wird geklatscht, geweint. Jeder hat eine Tragödie, die er auftischen kann. Remus nimmt Platz und frisst sie. Ihm wird schlecht. Er muss sich übergeben. Er schreibt eine Kurzgeschichte, denn wenn Remus kotzen muss, dann wird daraus ein Text. Remus beugt sich zurück. Er betastet sich. Will sicher sein, selbst keine Fiktion zu sein. Bin noch am Leben. Bin hier. Er ruft Rohm zu sich. Dann Witold Reimann. Der ist betrunken. Torkelt durch die Wohnung. Die Wölfin beschwert sich: So geht das nicht. Ich kann nicht mehr. Er beruhigt sie, denn schließlich sei sie ja auch nur eine Fiktion, in manchen Nächten auch eine Ficktion. Er sitzt an seinem Schreibtisch. Mit Rohm. Nicht mit Witold. Der hat eine Flasche Wein gefunden. Ich könnte dich, sagt er zu Rohm, in die Luft sprengen, vom Eifelturm springen lassen. Du musst mir etwas an die Hand geben. Wann gehen wir auf Tour, ich will ein wenig lesen, sagt Rohm. Das würde nicht passieren. Nicht jetzt. Das erklärt Remus. Warum? Weil er zu tun hat. Weil er mit dem Sofa über die deutschen Fernsehmeere schippert, weil er seine Augen in einem Roman verloren hat. Guter Roman, übrigens sagt Remus, reißt eine weitere Seite aus dem Roman. Verspeist sie. Er bekommt ganz feuchte Augen von der Völlerei. Sein Körper ist mit Papier angefüllt. Er müsste eigentlich eine Kloschüssel finden. Oder eine Rezension schreiben. Die Gedanken müssen raus. Also lässt er sich Land finden. Ein Eiland. Einen Balkon. Dort leben wilde Tiere. Er geht mit Rohm, nicht mit dem betrunkenen Witold, auf Großwildjagd. Sie wandern durch ausgewaschene Canyons. Fugen seien das. Unsinn. Remus schüttelt den Kopf. Schließlich stoßen sie auf den ältesten Marienkäfer des Universum. Er hat mindestens fünftausend Punkte auf seinem Rücken. Nach einem gefahrvollen Kampf können sie den Käfer in einen Plastikbecher sperren. Sie werden ihn nach New York bringen, denn dort wird der Käfer die Sensation des Jahrhunderts sein. Remus sieht alles vor sich. Der Käfer wird sich in eine Frau verlieben. Er wird fliehen. Zusammen mit der Frau wird er auf ein Gebäude klettern. Man wird ihn einkreisen. Flieger werden ihre Raketen auf ihn abfeuern. Aber alles wird gut werden. So oder so. Der Käfer wird mit der Frau aufs Land ziehen. Sie werden eine Farm bewirtschaften. Sie werden kleine Käferkinder bekommen. Eins nach dem anderen. Viel zu viele. Sie werden nicht genug Geld für all die Käferkinder haben, drum wird der Käfer Banküberfälle begehen. Er wird gesucht werden. Ein Star werden. Remus wird ihn im Fernsehen sehen. So schließt sich der Kreis, denkt Remus. Er steigt auf das Sofa. Rudert vor den Fernseher zurück. Er spiegelt sich in der Scheibe des Fernsehers. Er ist Teil des Programms. All seine Falten sind zu sehen. Seine grauen Haare. Er spricht über seine Leiden. Traurige Musik erklingt. Er hält den Käfer vor die Scheibe. Nun sind sie beide im Fernsehen. So hat es Remus prophezeit. Und so ist es auch gekommen.

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