Eine mögliche Geschichte

von guidorohm

Für den Gottvater des Multiversums

Remus schlürft Kaffee, er denkt sich mit jedem Schluck einen weiteren Teil seiner noch näher zu bestimmenden Biografie für Rohm aus, die er mal in einem Londoner Waisenhaus beginnen lässt, mal in einem Hamburger Pornokino. Rohm kommt schließlich in einem Krankenhaus in Fulda zur Welt, verzweifelt von seiner Mutter in die flackernde Beleuchtung des Kreissaales gepresst, weil, Remus greift gerne in die dramatische Spielzeugkiste, Fliegeralarm ist; Bomben fallen, denn es herrscht Krieg. Hessen liegt seit siebzehn Jahren mit Bayern in einer Fehde, die von Remus noch näher auszuleuchten sein wird. Der Leser kann beruhigt sein, denn inzwischen herrscht Frieden, ein brüchiger zwar, aber immerhin fliegen den Bewohnern von Fulda keine Kugeln mehr um die Ohren. Der Bürgerkrieg scheint eingedämmt.

Rohm, so ersinnt es sich Remus, könnte an diesem Wochenende Besuch von seinen zwei Söhnen (aus erster Ehe) bekommen haben. Die Jungen schlafen noch, ebenso wie Rohms Frau, die noch keinen Namen hat, die sich aber bereits unruhig im Bett wälzt, unterbewusst fernen Glocken lauschend, die vor einem Feuer warnen sollen.

Remus legt den Finger an die Lippen. Wie nur könnte er sie nennen? Annette? Nein! Seraphe? Nein! Schließlich entscheidet er sich für Anna, weil dieser Name so wunderbar von hinten wie von vorne … (Sie wissen schon, was ich meine!)

Remus hebt den Kopf, er unterbricht seine Erzählung. Ruhe ist eingekehrt, die ihn auf den Regen, der die ganze Zeit über fiel, aufmerksam macht. Das stupide Trommeln fehlt. Er fühlt sich von seiner Erzählung abgeschnitten. Er lehnt sich nach hinten, sieht sich um. Er blickt auf Gegenstände, die nicht von ihm sind, die er nur erfunden hat, die aber nun tatsächlich da sind: Ein Kreuz, vielleicht aus Gips, ein Feuerzeug, darauf eine Miniaturausgabe des Filmplakats von Casablanca zu sehen ist, eine Packung Tempotaschentücher, eine Stehlampe, die unaufhörlich summt, und ihn damit ganz nervös macht, nervöser, umso mehr er darauf achtet, die von Rohm geschriebenen Bücher, ein Drucker.

Remus steht auf. Er will sich die Füße vertreten. (Die Uhr, die laut Anweisungen aus dem Internet umzustellen ist, wurde von ihm vom Schrank hinüber aufs Bücherregal gewuchtet. Ein besserer Ort fiel ihm für die große Uhr, die an einen amerikanischen Basketballprofi erinnert, nicht ein.)

Noch schlafen alle. Er lauscht in seinen Kopf hinein. Die Wölfin streift durch die Stadt, Rohm und seine Jungen träumen, auch Anna und deren Tochter … Remus eilt zum Schreibtisch zurück. Natürlich. Wie konnte er Annas Tochter vergessen? Er schüttelt den Kopf, schreibt sie rasch in die Notizen für den Roman hinein. Er nennt sie, seine Augen rattern wie nebenbei über die Shakespeare-Ausgaben, Ophelia, kurz Lia gerufen.

Er schlürft wieder den Kaffee. Seine Kopfhaut juckt. Die Welt, wie sie ist, scheint weit entfernt. Sie liegt hinter einem Schleier aus Nebel und Möglichkeiten, die sich erst nach und nach offenbaren.

Motorengeräusche dringen in die Wohnung. Es könnte sich dabei um einen Trupp Soldaten handeln, wohnt Remus doch in einem Viertel der Gemäßigten Katholiken, die immer wieder zur Zielscheibe von Angriffen durch die Ritter Gottes werden, jenen Extremisten aus dem Fuldaer Umland, die sich nicht damit anfreunden können, dass die Blutzeiten Christi vorbei sind.

So könnte es sein, flüstert Remus in die Dämmerung hinein. Es könnte aber auch ganz anders sein. Er schließt die Augen, nimmt Anlauf, rennt auf die geschlossene Tür zu. Er ist verschwunden, taucht in einer Wohnung in einem anderen Universum wieder auf. In diesem wird Deutschland von einer Kanzlerin namens Angela geführt. Ein sehr surreales Universum. Auch hier gibt es Rohm, seine Söhne, auch eine Tochter, die ihn schon lange nicht mehr besucht hat. Auch hier gibt es Anna, die aber hier, ob Remus es nun will oder nicht, Seraphe gerufen wird.

Remus blickt aus dem Fenster dieser Wohnung. Regenschlieren laufen quer über die Scheibe. Der Wind peitscht auf Bäume und Gebüsche ein. Er wird vermutlich bleiben. Eine Saison, vielleicht eine weitere. Er hat sich noch nicht entschieden.

Er setzt sich an den Schreibtisch, greift nach dem Kaffee und schreibt sich eine Geschichte Rohms. Sie könnte an einem Regentag in Dublin beginnen. Warum auch nicht, denn alles ist möglich!

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