Die Erstbesteigung des Mount Dingsda

von guidorohm

Remus rät Rohm, als würde es seine Fiktion tatsächlich geben, während eines Gesprächs an der wohnungseigenen Bar, die natürlich ebenso wenig wie der Schriftsteller aus Fulda vorhanden ist, er solle sich ein Geschöpf erfinden, über das er täglich in einem Roman zu Gericht sitze. Das täte Seele und Fingerspitzen gut, die so in Bewegung blieben.

Remus lässt Rohm all seine Worte fleißig mit einem Nicken abhaken. Das ist der Vorteil bei Wesen aus Luft, Spucke und Hirnejakulat: sie reden nur dann, wenn man es zulässt, und sagen nur das, was man auch hören möchte. Drum ist Remus auch nicht überrascht, als Rohm in diesem Augenblick die Feststellung trifft: Sie sind ein wunderbarer Autor. Remus wird, er hat dies schon oft vor dem Spiegel geübt, rot. Danke, danke, murmeln seine Lippen. Remus ist ein Meister in dem Fach Sei Überrascht Und Tu So Als Würdest Du Dich Nicht Wirklich Für Den Größten Halten. Er wiegelt ab, beruhigt seine Fiktion, die sich allmählich in Rage redet, die von ihm verlangt, einzugestehen, er sei es doch gewesen, der den Mount Dingsda bestiegen hätte, und dies, obwohl bisher noch alle zu Tode kamen, die sich am Mount Dingsda versuchten. Schon, schon, muss Remus eingestehen, dem solche Lebensdaten peinlich sind, zumindest erzählt er das, wenn er davon ausgehen kann, dass die Situation später von seiner Fiktion im Roman Der Wortbruchstellenverursacher beschrieben wird. Man muss sich stets ins rechte Buchstabenlicht setzen.

Ob er denn nicht ein wenig von der Erstbesteigung berichten könne, wiegelt Rohm auf, der sich, Remus wird hier zukünftig auf sein Geschöpf achten müssen, gerade seinen achten doppelstöckigen Whiskey in ein Wasserglas füllt. Er solle das lassen, sagt Remus, erinnert die Fiktion an all die alkoholkranken Schriftsteller, er müsse nur mal dieses Buch von Upton Sinclair lesen, wie hieß das nur, warte, sagt Remus, während Rohm nickt, wartet und trinkt.

Wenn Gespräche mit Fiktionen den roten Faden verlieren, dann muss man vorsichtig sein, denn dann kann man nur dank der Laurence-Sterne-Kräfte überleben, die sich, seien wir ehrlich, Remus noch nicht antrainieren konnte. Da muss man schon viele Jahre ein Brainbuilding-Studio aufgesucht haben. (Sie kennen doch sicherlich diese dreckigen Buden am Rand der Stadt, in denen Nachwuchsautoren täglich Romane von Thomas Mann stemmen, in der Hoffnung, dereinst als gefeierter Schreiber in Klagenfurt zu landen?)

Remus, der sich inzwischen überfordert fühlt, beendet das Gespräch mit einem gespielten Hustenanfall, der ihn seinen Bauch halten lässt. Als er wieder aufblickt, sind Bar und Rohm verschwunden.

Weil ihm aber nach anderer Unterhaltung ist, ersinnt er sich einen Pool, darin zwanzig schwarzhaarige Schönheiten, die ihn mit einem gekeuchten Endlich willkommen heißen.

Er gehorcht, denn wenn ein Autor etwas beherzigen sollte, dann dies: Folge der Erzählung, denn wenn sie gut ist, wenn sie ehrlich ist, wird sie dich in ferne Gefilde jenseits deines Schreibtisches führen.

Remus nimmt Anlauf und springt, die Knie angezogen, als menschliche Bombe ins Becken. Die jungen Frauen gieren nach ihm, sie fassen zu, sie tauchen ihn unter. Ja, denkt Remus noch, wenn man sich schon innerhalb einer Fiktion ertrinken lässt, dann auf diese Weise, dann nur auf diese Art.

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