Der Revolutionstag ist abgeblasen

von guidorohm

Kein Revolutionstag. Der sei abgeblasen. Remus steht entsetzt vor den Zeilen, die seine Fiktion geschrieben hat, geröchelt, erbrochen. Das ist keine Literatur, schreit Remus seinen Rohm an. Der löst sich rasch in Luft auf. Stets das Beste, was man als Fiktion machen kann (in solchen Situationen). Remus greift nach dem Bildschirm, will ihn zerreißen, rupfen wie ein totes Huhn. Klappt nicht. Also stellt er das schwere Manuskript auf den Schreibtisch zurück. Setzt sich davor. Schlürft einen Kaffee. Denkt nach. Er muss vorsichtiger werden. Mit diesen Ficktionen ist nicht zu spaßen, die wollen befruchten, was ihnen unter den Füller kommt. Stets ein bisschen Tinte abspritzen. Remus lacht derb auf. Aber nicht mit ihm. Er hat hier alles im Griff. Mit ihm wird es keinen Roman im Roman geben. Er kommt ja kaum noch mit den momentanen Gegebenheiten zurecht. Jetzt hat es sich ausgeschrieben. Er zündet sich eine Zigarette an. Er muss nicht lange erklären, welche Sorte es ist. Der aufmerksame Leser ist einem früheren Link gefolgt, weiß es daher schon seit einiger Zeit. Er inhaliert den Rauch tief und lange. Der Selbstmord mit Zigaretten erfordert eine gewissen Ausdauer. Sollte es nicht innerhalb der nächsten Jahre klappen, dann kann er die Zigarettenindustrie immer noch verklagen. Er denkt an die großen Raucher der Literaturgeschichte, die bereits als eigenständiger Roman zu betrachten ist. Böll, hm, mit dem will er nicht verglichen werden. Von dem besaß er fast alles, hat es nur nie gelesen, zu nah am Geschehen, diese Zeitnähe, dieses schreiben am Puls der Gegenwart hat ihn angewidert. Dann wäre da noch …, er könnte …, da fällt ihm vor lauter Spinnerei die Zigarette aus den Fingern. Rasch bückt er sich, hebt sie auf, stößt sich in der Aufwärtsbewegung den Kopf. Im Kopf rufen sie, weil sie denken, es wäre zu einem Erdbeben gekommen. Rasch beruhigt er Rohm, Reimann, Wölfin und all die anderen Geschöpfe. Nur eine Art Penner, der seit Jahren am Rand seiner linken Hirnhälfte haust, hat sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Remus drückt die Zigarette im Aschenbecher aus. Zerquetscht sie wie einen Feind. Betrachtet ihren entstellten Leib. Dann wendet er sich dem Bildschirm zu, muss er doch eine Mail des Verlages beantworten, der sich um die erfundenen Romane des Guido Rohm müht. An die Arbeit also, denn von der Stirne heiß … Remus schüttelt den Kopf. Schiller lag ihm nie, dieser Kautabakfresser.

Advertisements