Revolutionstag – Der erste Teil des Romans im Roman

von guidorohm

Remus ist erschöpft, abgeschöpft, ist zum Schöpfen nicht mehr zu gebrauchen. Er hängt in den Seilen, die sich um seinen Körper gespannt haben, die ihn gefangen halten. Remus giert von Zeit zu Zeit nach Substanzen, die ihn nach einer Weile Schachmatt setzen. Spiel beendet. Da liegt er nun neben dem Brett im Bett und keucht. Also muss Rohm ran. Der alte Rohm kann ja auch mal etwas tun, denkt Remus, denkt es nicht, weil das Denken zu anstrengend ist. Sein kleiner Finger versucht sich an einer Bewegung. Es gelingt nicht. Er kann nicht mehr. Und doch sitzt Rohm plötzlich am Schreibtisch. Remus zwingt sich ein Lächeln um die Lippen. Die Augen geschlossen, beobachtet er Reimann als Rohm, der sich an einem neuen Roman versucht. Die Idee gefällt Remus. Ein Roman im Roman. Wie könnte der Titel lauten? Er würde hmmmmmen, bekäme er noch ein hm heraus. Er beugt sich im Traum über Rohm, der eigentlich Witold Reimann heißt, der ja den Rohm gibt, der Rohm eigentlich ist. Alles verwirrend, aber sehr wahr. Remus kneift die Augen zusammen, liest und vertieft sich schlafend in den neusten Roman von Guido Rohm, der eben erst, hier in diesem Roman, im Entstehen ist.

 

Guido Rohm

REVOLUTIONSTAG

Roman

 

Eins

 

 

Abstürzen. Jetzt. Hier.

Auf der betonharten Oberfläche des Meeres zerschellen, während brennende Wrackteile im Wasser zischend verdampfen, dann versinken.

Ich würde es wollen. Hand in Hand mit Fanny, die neben mir sitzt, in einem Modemagazin lesend.

Sie weiß nichts von meinen Flugzeugabsturzplänen, meinen gewichtigen Fantasien; sie ahnt nicht einmal etwas davon.

 

Vor drei Stunden waren wir noch in Deutschland, lagen vereint im Bett, rauchten eine Zigarette, die unvermeidliche Nach-dem-Sex-Zigarette, die wir uns von zahlreichen Filmen abgeschaut haben.

Fanny streichelte mir mit ihren langen falschen Fingernägeln über die rasierte Brust.

Ich kam mir vor wie James Bond. Fanny war die Trophäe meines letzten Auftrags, also lächelte ich sie arrogant an.

„Was ist?“, fragte sie.

„Zerbrech dir nicht deinen kleinen süßen Kopf“, sagte ich.

Fanny sah mich böse an.

„Mein Name ist Bond“, sagte ich. „James Bond, mit der Lizenz zum Lieben.“

Fanny kicherte, kniff mich in die Seite; wir balgten, alberten, fielen vom Bett.

„Aua!“, schrie ich auf.

Ich hielt mir den Fuß. Fanny sah mich überrascht an, dann ängstlich.

Ich konnte mein Lachen nicht mehr halten, prustete los, sagte: „Alles in Ordnung.“

„Idiot!“, erwiderte sie.

 

Ein Luftloch, wir sacken ab, ich halte mich kurz an Fanny fest, die ungerührt in ihrem Magazin blättert.

„Wir könnten abstürzen“, flüstere ich.

Sie reagiert nicht, zeigt auf einen Mantel, tippt auf den Preis, schüttelt den Kopf.

„Abstürzen“, wiederhole ich.

Fanny hebt den Kopf, sieht mich mit leeren Augen an.

„Wann werden wir landen?“, fragt sie.

Ich schiebe den Armel meines Pullovers zurück.

„Du bist zu warm angezogen“, sagt Fanny.

Ich verdrehe meinen Arm, halte ihr die Uhr unter die spitze Nase, tippe auf die Zehn.

Sie konzentriert sich, kneift die Augen zusammen, sagt dann: „So spät?“

Ich will etwas erwidern, ein Bonmot, schweige aber.

 

Ich stelle mir das so vor: Ich bin der letzte Mensch, alle anderen sind von einem Virus befallen, der sie in willenlose Zombies verwandelt hat.

Um nicht entdeckt zu werden, muss ich so tun, als wäre ich längst einer von ihnen geworden. Mechanische Bewegungen. Leere Augen.  

In meiner linken Manteltasche trage ich einen Revolver um mich zu schützen.

Plötzlich schnüffelt Fanny an mir, sieht mich mit blutunterlaufenen Augen an, beginnt zu knurren. Sie erinnert mich an eine Hündin.  

Also greife ich vorsichtig nach der Waffe, ziehe sie hervor, spanne den Hahn und erschieße sie.

Fannys Hirn klatscht auf meine Stirn. Ekelerregend.

Ich öffne die Augen, sehe mich um. Die meisten Passagiere schlafen.

Ich grinse über meinen kleinen Wachtraum, dann versuche ich mich zu schämen, denn solche Gedanken sollte man einfach nicht haben.

 

Sie zeigen einen Film, der mich langweilt. Ich lasse die Kopfhörer im Rucksack.

„Wir könnten …“, flüstere ich Fanny ins Ohr.

Sie blickt nicht zu mir, weder erstaunt noch fragend.

Also behalte ich meine Gedanken für mich.

 

Fanny und ich könnten zusammen auf der Toilette verschwinden.

Man liest doch immer wieder von Stars, die so etwas tun.

Sex über den Wolken.

Auf der anderen Seite würde mich die Realität wahrscheinlich mit blauen Flecken bestrafen. Von den hygienischen Bedingungen müsste ich ganz absehen.

Aber davon träumen kann man ja, von den Beinen Fannys, die sich um meinen Hintern wickeln, von den unterdrückten Stöhnlauten.

Die Stewardess würde klopfen und fragen: Ist bei Ihnen alles in Ordnung?

Ich würde den letzten Stoß abbrechen, die Augen aufreißen, ein Kichern unterdrücken.

Alles in bester Ordnung, würde ich sagen. 

 

„Alles in Ordnung?“

Ich schrecke aus meinen Gedanken auf, sortiere mich, folge der Stimme.

Das Magazingesicht der Stewardess lächelt wie in einem Laufstegtraum auf mich hinab.

Fanny bleibt ungerührt; sie ist einem Bombardement aus Handtaschen umgekommen. Mit offenem Mund streicht sich mit dem Mittelfinger über die Seite. Die letzten Regungen einer Toten.

Bilder blitzen in meinen Kopf: Die Stewardess. Ich. Fanny. Drei nackte Körper, die durch die Laken eines Hotelzimmerbettes wälzen.  

 

„Geben Sie mir doch bitte einen Whiskey“, sage ich.

Jetzt habe ich Fannys volle Aufmerksamkeit.

„Du trinkst doch überhaupt keinen Whiskey“, sagt sie.

„Nein.“

Die Stewardess hat sich abgewendet, stöckelt den Gang entlang, stoppt sich selbst am Getränkewagen.

Hinter uns quengelt ein Kleinkind. Fanny und ich haben uns frühzeitig gegen Kinder entschieden. In solchen Momenten fühlen wir uns bestätigt.

Fanny verdreht die Augen.

„Und jetzt?“, fragt sie.

„Was meinst du?“

„Bestell ihn ab.“

Ich überlege kurz und sage dann: „Nein!“

Revolutionen beginnen mit kleinen Dingen.

 

Natürlich schmeckt mir der Whiskey nicht, so verführerisch die bernsteinfarbene Flüssigkeit im Plastikbecher schwappt, der Brand, der darin lauert, will sich nicht in meinen Hals kippen lassen.

„Du hättest auf mich hören sollen“, bemerkt Fanny, ohne den Blick noch einmal von den Seiten ihres Magazins abzuwenden.

Ich hebe die Schultern, hebe den Kopf, auf den Bildschirmen läuft noch der Film, der mich nicht in seinen Bann ziehen kann; keine Toten, keine Explosionen, ein Film für Kinder, eine dämliche Komödie.

 

Eine Entführung des Flugzeugs würde mir Angst machen, eine Gruppe Terroristen mit Maschinengewehren und Handgranaten in den kampfbereiten Fäusten.

Schräg links von uns sitzen zwei verdächtig aussehende Gestalten; merkwürdige Typen deren Haare mir nicht echt erscheinen.

Ich würde Fanny gerne darauf aufmerksam machen, sie anstoßen, um zu sagen, sieh mal dort, die werden jeden Moment das Flugzeug übernehmen, aber ich lasse es, weil ich sie nicht belästigen möchte; nicht schon wieder, sie würde mir das übel nehmen.

 

(Fortsetzung folgt)

 

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