Ein langer Tisch könnte das Wohnzimmer zerschneiden

von guidorohm

Ein langer Tisch könnte das Wohnzimmer zerschneiden, ein breiter dunkler Strich aus einem exotischen Holz, das unter Mühen von schwitzenden Arbeitern aus dem Dschungel eines Landes namens Paradoxien geschleift wurde. Elefanten wurden dort mit kehligen Lauten angetrieben, Elefanten, groß wie dreistöckige Wohnhäuser, die ihre Herren mit stoischen Blicken musterten, aber dann doch gehorchten, weil ihnen das Wort Revolution einfach nicht in den Sinn kommen wollte.

So könnte es sein, sagt Remus, der Wölfin das Fell kraulend.

Noch die liegt die Wohnung Rohms in der Dunkelheit der Nacht gefangen, und doch harren bereits Tisch und Küche aufgeregt der Gäste, die sich für diesen Tag angekündigt haben, hat doch, Remus unterbricht seine Gedanken, schenkt sich einen Schluck Kaffee in den Hals hinein und fährt dann mit glitzernden Augen fort, hat doch Rohms Frau Geburtstag, nein, sagt Remus, sie hatte Geburtstag, aber die Feier wird erst an diesem Tag die Wände der Rohm-Burg erzittern lassen. Noch könnte sie im Bett liegen, warte, Remus durchstöbert seine Zettel, die er bereits in den frühen Morgenstunden bekritzelt hat und die ihm später beim Formulieren des Romantextes helfen sollen.

Alles sehe ich vor mir, schreit Remus auf. Mein Roman über Rohm, der ja somit auch als Rohman zu bezeichnen wäre, wird ein Allesdrinding werden, ein Stück Literatur wie es nur die Alten bisher zuwege brachten; ein Familienroman wird es werden, ein Roman über das Scheitern, über Intrigen und Paranoia.

Die Wölfin erlaubt sich den Hinweise, er solle doch erst einmal beginnen, sich nicht nur in Plänen verlieren, aber Remus verbietet sich solche Einmischungen, er untersagt sie seiner Wölfin, indem er sie auf ihre tierhafte Sprachlosigkeit aufmerksam macht.

Und was ist mit Rohm, jetzt in diesem Augenblick, fragt die Wölfin ungerührt.

Remus überlegt, dann hebt er den Finger, hebt ihn kerzenungerade, der Mittelfinger erinnert an eine Unanständigkeit aus Jugendtagen.

Rohm, sagt er, sitzt in diesem Moment vor seiner Tastatur und schreibt über mich, ja, er meint tatsächlich, er würde einen Zwilling erfinden, der dann ihn erfinden könne.

Dies alles, mischt sich plötzlich die Schrankwand ein, könne zu einem nie wieder reparablen Chaos in Raum und Zeit führen. Papperlapapp, erwidert Remus, die Quantenphysiker haben doch längst all die Paralleluniversen dort draußen nachgewiesen. Wir befinden uns hier in vollkommener Sicherheit. Nichts könne passieren, beruhigt Remus die Schrankwand, die sich nun in Grübeleien über die String-Theorie verliert.

Kommen wir aber zum Rohman zurück, erinnert Remus seine schweigende Wohnungseinrichtung. Alle lauschen sie gebannt: Der Sessel lehnt sich entspannt zurück, das Sofa liegt und lächelt, nur der Esszimmertisch ist wieder einmal mit Kauen beschäftigt und der Frage, wie lange es wohl dauern würde, bis er sich selbst verspeist hätte.

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