Ein mysteriöses Dokument

von guidorohm

Remus fühlt sich unaufgeräumt. Also schlüpft er durch seine Ohrmuschel, die ihn schon oft zum Verweilen eingeladen hat, an deren Rändern er mit baumelnden Beinen und geplusterten Backen saß und den Mehrgeräuschen lauschte, dem Branden tosender Stimmen. Mit einer Hacke bewaffnet klettert er in seinen Kopf hinein, sich entsetzt umsehend, das Chaos begutachtend. Die Wölfin indes wartet, den Kopf auf seinen Schoß gebettet, denn Tieren bleibt der Eintritt ins Kopfinnere verwehrt, obwohl Remus an einer Umgehungsstraße arbeitet, die auch der Wölfin den Weg in seinen Kopf ebnen soll. (Recht verkopft das alles, denkt Remus!) Bücher liegen in einem heillosen Durcheinander, als wäre ein Wind durch seinen Kopf gehetzt. Remus kann sich an keinen Sturm erinnern.

Er bückt sich, greift nach Papieren, alten Gedichten, die er als Jugendlicher verbrochen haben muss, pickelübersäte Ergüsse aus längst vergessenen Tagen.

Und dann hält er plötzlich ein Pergament in Händen, in seinen kleinen Kleinkindhänden, die zum Bohren in der Nase und zum Schreiben gemacht sind, zu sonst aber nichts. Er liest sich die Worte in seinen Kopf (im Kopf), ohne tatsächlich zu verstehen, wer da über ihn und seine Fiktion Rohm schreibt. Ein Geheimnis weht ihn daraus an. Sich umblickend, als würde er zum Dieb in dieser Welt seiner Gedanken und Träume, stopft er das bröselige Dokument wie eine Rotzfahne in seine Hosentasche.

Er wird sich später darum kümmern können, nun aber sind seine (nicht vorhandenen) haushälterischen Fähigkeiten gefragt. Seine Gedanken (in den Gedanken) schwirren davon, verlieren sich in einem Nebelland, darin eine Figur spukt, die sich Paul van Dale nennt, eine Figur mit dem Kürzel DPR, die, sollte es sie nicht geben, noch von Remus zu erschaffen sein wird.

Nach Stunden, Jahren, Jahrhunderten, spielen Zeiteinheiten im Kopf doch keine Rolle, setzt er sich auf einen Schemel, einst gezimmert aus den Knochen toter Detektive, um sich die mysteriöse Botschaft noch ein letztes Mal in die Augen zu träufeln. Wie Fallschirmspringer stürzen sich die Worte in die Tiefe, zerschellen aber nicht, sondern werden vom Hirnboden aufgesogen.

Wer ist Remus? Wer ist Rohm? Ein neues Slapstick-Duo im intellektuellen Kopfkino, Dick und Doof für Querdenker? Wer penetriert hier wen? Warum spielt Wer-auch-immer mit dem Gedanken an antidudeneske Revolte, schon übt die Stahlfeder in der Luft „FICKTION“, schon träumt Wer-auch-immer von „ERGÜSSEN“ und davon, sich auf die Ficktion zu versteifen.

Oh? Na? Nie? Die drei ??? juvenilgebliebener Gehirne. Rohm, so lernen wir, wird nicht an einem Tag erbaut, die Steine mörteln den Bauarbeiter – doch wer ist der Architekt? Achtung, eine Neigung zu wortspielerischer Koprophilie: Arschitekt, Arschäologie, Arschitypus.

Rohm zieht sich selbst durch den Dreck. Nur dann lohnt sich die Selbstreinigung, was Remus umgehend eine kartesische Katharsis nennt, weil er alles vernebeln muss. So sind sie nämlich, die Menschenmacher. Sie fragen pausenlos mit keuchender Stimme: „Wo bin ich stehengeblieben?“ und joggen um den Block, um ihr Bauwerk, das selbst stoisch verharrt und ebenso stoisch zuschaut, wie der Architekt / Arschitekt im Werden ist, während sein Werk wirrt.

Machen wir uns nichts vor: Das hier ist Humbug. Remus / Rohm nehmen ihre Leser in Sinnhaft, Hühner im Käfig, während die Eier frei herumlaufen und nach der Henne suchen, wenn die vor ihnen dagewesen sein sollte, könnte ja sein, den Euro gibt’s schließlich auch immer noch.

Break. Jemand klopft an die Tür meines Büros, ein grauer Gruß von Herrn Rohrschach auf Milchglaspapier. Ein Klient? Klientin? Ich schwinge die Füße vom Schreibtisch, drücke die Kippe aus, sage „Herein“. 200 pro Tag plus Spesen, so stehts beim Chandler drin, warten Sie mal, ich such Ihnen die Seite raus. Ich bin abgebrannt wie Rom nach dem Einfall der Westgoten.

PAUL VAN DALE, als dpr mit unbekanntem Ziel verschneist.

Advertisements